02. April 2019 Welttag der Aufklärung über Autismus

 

 

In unserem Verlag erscheinen Therapiemanuale und Testverfahren, die Fachleute bei der Diagnosestellung einer Autismus-Spektrum-Störung und anschließenden therapeutischen Begleitung der Betroffenen unterstützen. Aktuelle Forschungsergebnisse rund um das Thema Autismus werden darüber hinaus auch in unseren Zeitschriften veröffentlicht. Eltern, Lehrer und Erzieher von Kindern mit Autismus-Spektrum-Störungen finden übersichtliche und hilfreiche Informationen in unseren Ratgebern.


Immer häufiger besteht auch der Bedarf, dem Verdacht auf eine ASS bei Erwachsenen nachzugehen und geeignete Therapien für Erwachsen anzubieten. Meist spielt dabei das Asperger-Syndrom bzw. der sogenannte hochfunktionale Autismus, bei dem die intellektuellen Fähigkeiten nicht betroffen sind, eine Rolle. Eine besondere Herausforderung kann aber auch die Autismus-Diagnostik bei Erwachsenen mit einer geistigen Behinderung darstellen, wie Sie weiter unten nachlesen können.

Was sagt der Dorsch* dazu?

Autismus, atypischer
[engl. atypical autism]
Autismus-Spektrum-Störungen, Entwicklungsstörungen, tiefgreifende.

Autismus, frühkindlicher
[engl. infantile autism], [KLI]
seltene Verhaltensstörung bei Kleinstkindern und im Kindesalter. Von kindlicher Schizophrenie diagn. abgrenzbar, wenngleich Überlappungen auftreten. Weniger als 10%...

Autismus, syndromaler
[engl. syndromic autism]
Autismus-Spektrum-Störungen. Entwicklungsstörungen, tiefgreifende.

Autismus-Spektrum-Störungen
(= ASS) [engl. autism spectrum disorder; gr. αὐτός (autos) selbst]
umfassen eine Gruppe heterogener, meist angeb. Störungen mit frühem Beginn. Grundlegendes Funktionsmerkmal ist die Beeinträchtigung...

Autismus-Theorie des Spracherwerbs
Nachahmung, Imitation.

*Dorsch – Lexikon der Psychologie 

Der Dorsch ist seit vielen Studierendengenerationen das Standardwerk, das eine umfassende Orientierung über Grundlagen, Konzepte und Begriffe der Psychologie ermöglicht. Das Lexikon der Psychologie wendet sich an Studenten der Psychologie, Psychiatrie und Pädagogik, Wissenschaftler und praktizierende Fachpersonen dieser und verwandter Fächer sowie an interessierte Laien.

Interessieren Sie sich für weitere Artikel aus verschiedenen Bereichen der Psychologie, besuchen Sie gern unseren Dorsch.

Autismusdiagnostik bei Erwachsenen mit geistiger Behinderung

VON TANJA SAPPOK

Noch immer gelingt es nicht, mit bildgebenden oder labordiagnostischen Methoden einen Autismusverdacht zu sichern. Dennoch ist es insbesondere bei Menschen mit geistiger Behinderung notwendig, durch eine umfassende körperliche und neurologische Untersuchung und ggf. ergänzender Verfahren (EEG, cMRT, genetische Diagnostik) klinisch u. U. ähnlich imponierende Störungsbilder wie z. B. eine Gehörlosigkeit oder einen bestimmten genetischen Verhaltensphänotypen (z. B. Fragiles X Syndrom; Rett Syndrom) auszuschließen. Generell wächst die diagnostische Herausforderung mit dem Schweregrad der geistigen Behinderung.

Abbildung 1: Diagnostische Fallkonferenz
Abb. 1: Diagnostische Fallkonferenz

 

 

Entsprechend den aktuellen diagnostischen Kriterien DSM-5 und ICD-10 ist Autismus eine phänomenologische Summationsdiagnose, die anhand des aktuellen klinischen Befunds und Verlaufs gestellt wird. Durch die Anwendung standardisierter Untersuchungsinstrumente kann der diagnostische Prozess strukturiert und ein Stück weit objektiviert werden. Die Anwendung dieser psychodiagnostischen Verfahren kann den Kliniker in der richtigen diagnostischen Einschätzung unterstützen. Unabhängig von allen konkreten Testergebnissen erfolgt die endgültige diagnostische Einordnung am Ende klinisch. Innerhalb von interdisziplinären Fallkonferenzen können alle vorliegenden Längs- und Querschnittsinformationen zusammengetragen und diskutiert und eine Konsensusdiagnose gestellt werden. Diese Diagnostik ist nur in einer Phase körperlicher und seelischer Gesundheit sinnvoll, da zusätzliche Erkrankungen das Bild deutlich beeinträchtigen und dadurch die Einordnung erschweren können. Abbildung 1 faßt die beteiligten Professionen und in einer Fallkonferenz diskutierten Informationen zusammen. 

Der diagnostische Prozess kann in eine Screeningphase und eine Phase zur Diagnosesicherung untergliedert werden. Zum Screening stehen mittlerweile spezifische Verfahren für Erwachsene mit geistiger Behinderung und Autismusverdacht zur Verfügung: Der Diagnostische Beobachtungsbogen für Autismus-Spektrum-Störungen - Revidiert (DiBAS-R) kann als erstes Instrument nahen Bezugspersonen ausgehändigt werden. Es handelt sich dabei um einen 19 Items umfassenden 4-stufigen Fragebogen, der ohne spezifische Fachkenntnis zu Autismus ausgefüllt werden kann. Ergänzend kann vom behandelnden Arzt oder Psychologen im Rahmen einer Visitensituation die ICD-10 basierte Autismus-Checkliste (ACL) ausgefüllt werden. Beide Screeningverfahren sind mit einem geringen zeitlichen Aufwand von ca. 10 Minuten auszufüllen und auszuwerten. Die Skala zur Erfassung der Autismusspektrumstörung bei Minderbegabten (SEAS-M) ist ein etwas aufwändigeres Screeninginstrument. Dabei werden professionelle Bezugsbetreuer durch ein semistrukturiertes Interview von einer psychologischen Fachkraft befragt. Diese Skala ist in ihrer Originalsprache umfassend psychometrisch untersucht und validiert worden.

Nach Erhebung der Screeninginstrumente werden innerhalb einer ersten multiprofessionellen Fallkonferenz alle verfügbaren aktuellen und anamnestischen Daten zusammengetragen. In dieser Fallkonferenz sollte festgelegt werden, welche weiterreichenden Untersuchungen nötig sind, um die Diagnose zu sichern bzw. auszuschließen. Umfassende, standardisierten Verfahren wie das Autism Diagnostic Interview-Revised (ADI-R) und  der Autism Diagnostic Observation Schedule (ADOS) sind mittlerweile auch für Erwachsene mit Intelligenzminderung validiert worden und können hier entsprechend den Empfehlungen der NICE-Leitlinien  eingesetzt werden. 

Videoanalyse

Darüber hinaus ist eine Videoanalyse sehr zu empfehlen, um einen Einblick in die Verhaltensweisen des Betroffenen im gewohnten Lebensumfeld mit vertrauten Menschen und Dingen zu bekommen. Dabei werden Bezugspersonen gebeten, den Probanden in unterschiedlichsten Lebenssituationen z.B. beim Essen, in Gruppensituationen, in der Freizeit, beim Arbeiten oder auch bei hauswirtschaftlichen Tätigkeiten zu filmen. Anhand einer Mikroanalyse des Filmmaterials durch die mit dem Störungsbild vertrauten Experten können wertvolle Hinweise im Hinblick auf die Autismusdiagnose gewonnen werden. Eine Weiterentwicklung des ADOS speziell für Erwachsene mit Intelligenzminderung, der Adapted-ADOS (AADOS) und ein auf musikalischer Interaktion basierendes, dem ADOS ähnliches Verfahren, die MUSAD (MUsik basierte Skala zur Autismus Diagnostik) befinden sich aktuell in der Validierung. Die Erfassung des kognitiven Leistungsprofils und des emotionalen Entwicklungsstands (SEO) sowie die Erhebung des Entwicklungs- und Verhaltensprofils (PEP-R; AAPEP ) liefern darüber hinaus wertvolle Informationen zur Gesamteinschätzung und können den diagnostischen Prozess unterstützen. Neben den Eltern können alte Arztbriefe, Zeugnisse oder Entwicklungsberichte wichtige Informationen zur frühkindlichen Entwicklung bieten.  Abbildung 2 faßt den Ablauf des diagnostischen Prozesses zusammen.

Die in der Fallkonferenz erarbeiteten Ergebnisse sollten z.B. im Rahmen von Helferkonferenzen den Betroffenen und ihren Familien und Betreuenden mitgeteilt werden, um das Behandlungs- und Umgangs_konzept entsprechend den individuellen Ergebnissen anzupassen und ggf. ein Autismus-freundliches Umfeld zu gestalten. Sollten schwere Verhaltensauffälligkeiten oder gar psychische Erkrankungen auf dem Boden einer unerkannten Autismus-Spektrum-Störung entstanden sein, kann die Diagnostik dazu beitragen, dass aus psychisch kranken Menschen mit Autismus gesunde Menschen mit Autismus werden.

Abbildung 2: Diagnostisches Procedere
Abb. 2: Diagnostisches Procedere

Testverfahren zum Thema Autismus

Zeitschriftenartikel zum Thema Autismus

"Autismus-Spektrum-Störungen und ihre Bedeutung in der Erwachsenenpsychiatrie und Psychotherapie" 

von Andreas Riedel , Monica Biscaldi , Ludger Tebartz van Elst

Zeitschrift für Psychiatrie, Psychologie und Psychotherapie
Sep 2016, Vol. 64, Issue 4, S. 233-245

 

Zum Zeitschriftenartikel

Autismus-Spektrum-Störungen (ASS) sind mit einer Prävalenz von über 1% in der Normalpopulation ein häufiges Phänomen. Klinische Erfahrung und auch theoretische Überlegungen sprechen dafür, dass die Prävalenz unter einem psychiatrischen Patientenkollektiv noch höher sein dürfte. Dennoch wird die Bedeutung der ASS für die Erwachsenenpsychiatrie und -psychotherapie erst in den letzten Jahren langsam erkannt. Die meisten Patienten mit ASS werden in der Erwachsenenpsychiatrie nach wie vor unter unzutreffenden oder falsch gewichteten Diagnosen – nicht selten erfolglos – behandelt. Eine korrekte Diagnosestellung hat fast immer weitreichende und meist positive Implikationen, weil sie ein adäquates Verständnis der autistischen Eigenschaften und der sich daraus entwickelnden psychiatrischen Symptomatik, sowie einen angemessenen und verständnisvollen Umgang damit erlaubt. Dies fördert die Akzeptanz des Behandlers für

die – oft als «schwierig» eingestuften – Betroffenen und die Selbstakzeptanz des Patienten. Neben nicht diagnostizierten ASS ist das Thema für die Erwachsenenpsychiatrie und -psychotherapie auch insofern relevant, als eine autistische Basisstruktur – also autistische Züge ohne eigenen Krankheitswert, der «broader autistic phenotype» – die Grundlage anderer psychiatrischer Krankheitsbilder sein kann, woraus sich häufig sowohl auf psychiatrischem als auch auf psychotherapeutischem Gebiet veränderte therapeutische Vorgehensweisen ableiten lassen. In diesem Beitrag wird zunächst ein kurzer Überblick über jüngere konzeptuelle und systematische Entwicklungen im Kontext des DSM-5 gegeben und dann auf die Relevanz von ASS für Psychiatrie und Psychotherapie eingegangen, mit besonderem Augenmerk auf diagnostische Aspekte, die Bedeutung der autistischen Basisstruktur und Implikationen für die Therapie.

Seminarempfehlungen

ADOS-2 – Diagnostik von Autismus

Das Testverfahren ADOS-2 enthält standardisierte Aufgaben, die es ermöglichen, Verhaltensweisen zu beobachten, die direkt relevant sind für die Diagnose von ASS auf verschiedenen Entwicklungsniveaus und Altersstufen.

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