Dorsch - Lexikon der Psychologie in Neuauflage

Der Dorsch liegt nun in der 19. Auflage vor. Das Fachwörterbuch ist das umfassendste deutschsprachige Nachschlagewerk der Psychologie. Gegenüber der Vorgängerausgabe hat diese Auflage nun über 500 neue und rund 900 aktualisierte Beiträge. Damit werden derzeit rund 13.000 Begriffe gelistet.

Verschiedene Ausgaben des Dorsch
Der Dorsch liegt in der 19. Auflage vor

Gebietsüberblicke: Eine Einführung in die Psychologie

Der Dorsch ist mehr als ein Lexikon der Psychologie. Auf den ersten 70 Seiten liefert er einen systematischen Überblick über das Fach. Ausgewiesene Expert*innen erläutern hier die psychologischen Teildisziplinen und benennen die wichtigsten Stichworte. Dieses „Buch im Buch“ ermöglicht so den schnellen Einstieg in einzelne Gebiete und ist eine eigenständige Einführung in die Psychologie.

ICD-Klassifikationen und Testverfahren ausführlich dargestellt

Hinzu kommt ein Anhang, der die ICD-10-Klassifikation der psychischen Störungen und die über 500 im Lexikon dargestellten Testverfahren geordnet nach Inhaltsgebieten präsentiert.

Dorsch Online

Der Dorsch ist seit 2013 auch im Internet verfügbar. Das Dorsch-Portal wurde 2020 überarbeitet und dem technischen Fortschritt angepasst. Die Freie Version des neuen Dorsch steht jedem Besucher kostenfrei zur Verfügung. Käufer der gedruckten Ausgabe erhalten einen Zugang zur  Premium-Version, welche die Wissenschafts- und Orientierungsfunktionen beinhaltet. Und auch im Sozialen Netzwerk Twitter hat der Dorsch mittlerweile eine Stimme: @Dorschlexikon.

99 Jahre Dorsch

Die Geschichte des Dorsch spiegelt die Entwicklung der Psychologie selbst wieder. Die Disziplin hat sich in den vergangenen 100 Jahren stetig professionalisiert und ausdifferenziert.

1921 veröffentlichte Fritz Giese den Vorläufer des Dorsch, ein psychologisches Wörterbuch in der Reihe „Teubners kleines Fachwörterbuch“ (Verlag Teubner, Leipzig). Darin stellte er auf 166 Seiten rund 2.200 Fachbegriffe der Psychologie dar.

Der Namensgeber des Dorsch, Friedrich Dorsch, wurde 1934 Gieses Assistent. Als Giese im Jahr darauf überraschend starb, übernahm Dorsch die Herausgabe des Lexikons. Seither hat es sich kontinuierlich weiterentwickelt. Mittlerweile schreiben 19 Gebietsexpert*innen und 600 Stichwortautor*innen für den Dorsch. Insgesamt werden heute rund 13.000 Begriffe gelistet.

Friedrich Dorsch hat das Lexikon bis zur 12. Auflage als Herausgeber begleitet. Von der 12. Auflage (1994) bis zur 15. Auflage (2009) hatten Hartmut O. Häcker und Kurt-H. Stapf die Herausgeberschaft übernommen.

Seit der 16. Auflage gibt es der Freiburger Psychologe Prof. Dr. Markus Antonius Wirtz heraus. Unterstützt wird er dabei von den Gebietsexpert*innen. Sie steuern nicht nur die Gebietsüberblicke bei, sondern behalten auch die den Stichwortbestand ihres jeweiligen Fachgebiets im Auge.

Mehr zur Arbeit am Lexikon erfahren Sie unten, im Interview mit Markus Antonius Wirtz.

Mehr zur Geschichte des Dorsch finden Sie im Dorsch-Portal selbst.

INTERVIEW mit Markus Antonius Wirtz

Herausgeber Markus Antonius Wirtz spricht im Interview über die Herausforderung, den Dorsch kontinuierlich weiterzuentwickeln.

Herr Professor Wirtz, der Dorsch hat den Anspruch, die Inhalte der Psychologie vollständig und aktuell zu präsentieren. Wie gelingt es Ihnen, das für ein so umfassendes Wissenschaftsgebiet zu erfüllen?

Dies stellt in der Tat eine große Herausforderung dar, die nur durch die Zusammenarbeit sehr vieler Expert*innen gemeistert werden kann. Im Dorsch schreiben diejenigen Psycholog*innen zu den Inhalten, die sie selbst in der Forschung und der Lehre vertreten. Begriffe und Inhalte werden von denjenigen dargestellt, die diese oft selbst in die Psychologie eingeführt und führend beforscht haben. Weil diese Expert*innen zudem für jede Neuauflage die Aktualität prüfen und in der psychologischen Forschung neu behandelte Aspekte ergänzen, gelingt es dem Dorsch, die Vielfalt der Psychologie in allen Inhaltsbereichen kompetent und am Puls der Zeit präsentieren zu können.

Wie kommt es, dass sich so viele angesehene Psychologinnen und Psychologen für diese Lexikonprojekt engagieren?

Wenn ich Personen anspreche, um den Bestand des Lexikons weiterzuentwickeln, so höre ich sinngemäß häufig den Satz: „Ach ja, der Dorsch, das war eines der ersten Bücher, das ich im Studium besessen habe!“ Der Dorsch hat in der Psychologie seit vielen Jahrzehnten den Status eines zentralen Referenzwerks: Er hat nicht nur die Psychologie als Disziplin, sondern auch die Entwicklung von Generationen von Wissenschaftler*innen wesentlich mitgeprägt. Es ist deswegen besonders reizvoll, selbst zur Gestaltung dieses Referenzwerks beizutragen und die eigene Expertise in das Lexikon einfließen zu lassen: Man prägt mit, was einen selbst geprägt hat.

Es stellt also sozusagen eine besondere Auszeichnung dar, den Dorsch mitgestalten zu können?

Ich würde es eher umgekehrt darstellen: es zeichnet den Dorsch aus, dass hochrangige Forscher*innen es als wichtiges Anliegen sehen, ihr Wissen hier zu präsentieren. Der Dorsch wird als historisch gewachsene und in der Fachkultur tief verankerte Referenz und Orientierung der Disziplin Psychologie angesehen. Beispielsweise hat Professor Gigerenzer selbst den Beitrag zu dem von ihm entwickelten Konzept der „Ökologischen Rationalität“ verfasst. Professor Reinecker hat die Darstellungen zu verhaltenstherapeutischen Techniken beigesteuert. Und Professor Groeben stellt die „Psychologie als Sozialwissenschaft“ dar. Das verdeutlicht nicht nur die sehr hohe inhaltliche Qualität des Lexikons. Vielmehr unterstreicht die Mitarbeit so herausragender Psycholog*innen den hohen Stellenwert, den dieses Standardwerk für die psychologische Fach-Community hat. Das ist Wissen aus erster Hand und engagiert gelebte Fachkultur im Buchformat. Der Dorsch manifestiert so in gewissem Maße das Selbstverständnis und die Identität der Psychologie.

Hoher Stellenwert in der psychologischen Community

Welche Bedeutung hat der Dorsch dadurch für Psycholog*innen?

Fragt man Psycholog*innen, was Psychologie charakterisiert oder beinhaltet, so ist die Antwort „Das, was im Dorsch steht“ naheliegend. Psycholog*innen schätzen aber auch einen weiteren Aspekt sehr, den man bei einem klassischen Lexikon nicht erwarten würde. Die Beiträge haben oft Lehrbuch- oder Essaycharakter und werden ausführlich aufgegliedert: So wird beispielsweise der Oberbegriff „Entwicklung/Entwicklungsstörungen“ auf 20 dicht bedruckten Seiten extrem differenziert aufgegliedert. Intelligenz wird in verschiedenen Beiträgen auf über 35 Seiten facettenreich ausgeführt. Die wichtigsten Psychischen Störungen werden strukturiert nach Ätiologie, Prävalenz, Diagnostik und Klassifikation gemäß ICD und DSM sowie psychotherapeutischen und psycho-pharamkologischen Behandlungsverfahren in einem Essay behandelt. Die Differenziertheit übertrifft oft sogar die Darstellung in etablierten spezialisierten Handbüchern.

Der Dorsch hat etwa 13.000 Stichwörter. Wie schaffen Sie es denn trotz dieser Vielfalt und Informationsmenge die Inhalte den Leser*innen strukturiert zu präsentieren?

Damit die Leser*innen die Fülle an Informationen auf über 2.000 Seiten strukturiert rezipieren und einordnen können, sind die Stichwörter seit der 16. Auflage insgesamt 19 Teilgebieten der Psychologie zugeordnet. Die alphabetische Ordnung wird somit durch ein zweites Strukturierungs- und Ordnungsprinzip ergänzt. Durch diese Ordnungsprinzipien ist der Dorsch mehr als nur ein Lexikon: es sind 19 Teillexika für die sich durch die gemeinsame Behandlung und ein sehr sorgfältig entwickeltes Verweissystem beim Lesen vielfältige, erhellende und inspirierende Synergieeffekte ergeben.

Diese Teilgebiete werden überblicksartig zu Beginn des Lexikons auf 74 Seiten beschrieben. Was ist das Besondere daran?

Für sich genommen sind die Gebietsüberblicke bereits eine kleine, eigenständige Einführung in die Psychologie – sozusagen ein Buch im Buch. Zudem werden hier Top-Stichwörter, die den Kern des jeweiligen Gebiets bilden, thematisch gegliedert aufgelistet. Beim Lesen jedes Gebietsüberblicks entsteht eine Landkarte, die wertvoll für die Entwicklung eines strukturierten und vertieften Verständnisses der Teildisziplinen ist.

Neben den Gebietsüberblicken und dem lexikalischen Teil gibt es auch noch einen dritten Teil, der enormen praktischen Wert besitzt. Um was handelt es sich da genau?

Wir haben einen Anhang eingefügt, der die komplette ICD-10-Klassifikation der psychischen Störungen und die über 500 im Lexikon dargestellten Testverfahren geordnet nach Inhaltsgebieten präsentiert.

Sie halten den Dorsch für einzigartig – zumindest im deutschsprachigen Raum. Warum?

Der Dorsch setzt konsequent auf Vollständigkeit, Strukturiertheit, Aktualität und Qualität der Inhalte. Es existiert kein anderes deutschsprachiges Lexikon in dieser Disziplin, das diese Anforderungen nur annähernd so umfassend erfüllt. Wie oben erwähnt, schreiben hier die führenden Expert*innen selbst: Der Dorsch ist somit eine enorm umfangreiche Quelle des Wissens der Psychologie aus erster Hand!

Der Dorsch als Spiegel einer dynamischen Disziplin

Der Dorsch wurde über die Jahre stets weiterentwickelt. Schlägt sich hier auch die Entwicklung der Psychologie an sich nieder?

Die parallele Entwicklungsgeschichte des Dorsch und der Wissenschaftsdisziplin sind sehr interessant. Während das Fachwörterbuch bis zur 3. Auflage sehr knapp die wichtigsten Inhalte enthielt, wuchs der Bestand unter dem Herausgeber Friedrich Dorsch bis zur 9. Auflage, die 1976 erschien, zu einem beeindruckenden Kompendium.

Deutet das auf die wachsende Bedeutung der Psychologie in dieser Zeit hin?

Ja, die wachsende Bedeutung, aber auch die Professionalisierung der Psychologie zeigen sich hier. Beide spiegeln sich aber nicht nur im Dorsch wieder, sondern wurden auch durch den Dorsch mitgeprägt. Als ich Anfang der 1990er-Jahre in Münster Psychologie studierte, war im Zweifel der Dorsch die Quelle zuverlässigen Wissens. Und das ist bis heute so geblieben.

Wichtige Neuerungen der Vorgängerauflage

Für die 19. Auflage haben Sie neben einer Vielzahl an Aktualisierungen wiederum die Anzahl der Stichwörter erhöht. Aber bereits zur 18. Auflage hatte sich ja einiges getan im Stichwortbestand. Was genau?

Wir hatten bereits für die 18. Auflage den Stichwortbestand massiv überarbeitet und erneuert. Damals konnten über 2.500 neue oder grundlegend aktualisierte Stichwörter aufgenommen werden. Fokussiert wurden hier die Bereiche „Klinische Psychologie und Psychotherapie“, „Psychopharmakologie“ sowie „Differentielle und Persönlichkeitspsychologie“.

Professor Petermann hatte damals die Überarbeitung der klinischen Inhalte organisiert. Dabei konnten insbesondere ausführliche Darstellungen zu allen wichtigen psychischen Störungen neu aufgenommen werden, die sich an den Behandlungsstandards gemäß den AWMF-Leitlinien orientieren.

Professor Gründer von der RWTH Aachen hatte als Gebietsexperte die Neueditierung aller ca. 900 Stichwörter des Bereichs „Psychopharmakologie“ organisiert. Die Aufnahme aktueller und verlässlicher psychotherapeutischer und psychopharmakologischer Standards stellt inhaltlich die hervorstechendste Neuerung dar. Aber auch die umfassende Aktualisierung der Persönlichkeitspsychologie durch Professor Asendorpf ist als Highlight der 18. Auflage hervorzuheben.

Wie neue Stichwörter ihren Weg in den Dorsch finden

Wie entscheiden Sie, welche Stichwörter neu aufgenommen werden müssen?

Die größere Herausforderung besteht darin, dass überhaupt erstmal erkannt werden muss, welche Stichwörter fehlen. Um diese finden zu können, erfolgt die Anpassung der Inhalte des Dorsch Lexikons mittels drei zentraler Instrumente.

Als erstes greifen Sie auf die am Lexikon beteiligten Expert*innen zurück. Wie funktioniert das genau?

Den 19 Gebietsexpert*innen obliegt es, den Stichwortbestand jedes Gebiets im Blick zu behalten und hinsichtlich Aktualisierungsnotwendigkeiten zu prüfen. Die Perspektive der Autor*innen ist in der Regel fokussierter und betrifft einen kleineren Inhaltsbereich. Im Jahresrhythmus werden alle Beteiligten gebeten, Vorschläge und Anregungen an die Redaktion zurückzumelden.

Das zweite Instrument besteht darin, dass die Redaktion aktuelle Veröffentlichungen ständig hinsichtlich relevanter Begriffe und Konzepte prüft. Wie sieht es mit Leser*innen aus? Können die sich auch an die Dorsch-Redaktion wenden?

Ja, das ist unser drittes Instrument. Für die Leser*innen besteht ständig die Möglichkeit, über das Dorsch-Onlineportal gewünschte Neueinträge vorzuschlagen.

Wie geht es dann weiter?

Fehlt ein Stichwort oder muss der Inhalt aktualisiert werden, so werden aktive Autor*innen oder bisher nicht aktive Expert*innen mit der Bitte um Editierung kontaktiert.

Herr Professor Wirtz, haben Sie vielen Dank für das Gespräch.


Prof. Dr. Markus Antonius Wirtz

Prof. Dr. Markus Antonius Wirtz ist als Diplom-Psychologe Leiter der Abteilung für Forschungsmethoden des Instituts für Psychologie an der Pädagogischen Hochschule Freiburg. Er ist u. a. Sprecher der Sektion Methoden der Deutschen Gesellschaft für Rehabilitationswissenschaften e. V. (DGRW) sowie Autor und Herausgeber mehrerer Veröffentlichungen aus den Bereichen Psychologische Methodenlehre und Diagnostik, der Gesundheitswissenschaften und der Bildungsforschung.


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