Der „Dorsch“ in 18. Auflage

von Markus Antonius Wirtz


Soeben ist der Dorsch in der 18. Auflage erschienen. Der Herausgeber, Markus Wirtz, erklärt im Interview, welches die wichtigsten Neuerungen und Änderungen sind und was den Dorsch noch heute zum unverzichtbaren Standardwerk der Psychologie macht.

1921 veröffentlichte Fritz Giese in der Reihe „Teubners kleines Fachwörterbuch“ (Verlag Teubner, Leipzig) auf 166 Seiten den damals noch bescheidenen Bestand von ca. 2.200 Fachbegriffen der Psychologie. Der Grundstein für den heutigen „Dorsch“ war gelegt.

 

Interview:

Der renommierte Dorsch ist soeben in der 18. Auflage erschienen. Prof. Wirtz, was sind die wichtigsten Neuerungen?

Die wichtigsten Neuerungen betreffen sowohl die strukturierte Aufbereitung der lexikalischen Inhalte als auch den Stichwortbestand. Damit der Leser die Fülle an Informationen auf den fast 2.000 Seiten strukturiert rezipieren und einordnen kann, sind die Stichwörter seit der 16. Auflage 19 Teilgebieten der Psychologie zugeordnet. Die Gebietsüberblicke, die zu Beginn des Lexikons auf 70 Seiten präsentiert werden, definieren und strukturieren die Inhalte des jeweiligen Gebiets. Zudem werden Top-Stichwörter, die den Kern des jeweiligen Gebiets bilden, thematisch gegliedert aufgelistet. Diese Gebietsüberblicke wurden durch die Gebietsexperten rundumerneuert und systematisch erweitert. Diese Einleitungen stellen nun isoliert bereits eine kleine, eigenständige Einführung in die Psychologie – sozusagen ein Buch im Buch – in ihrer ganzen Breite dar.

Es wurde ein Anhang eingefügt, der die komplette ICD-10-Klassifikation der psychischen Störungen und die über 500 im Lexikon dargestellten Testverfahren geordnet nach Inhaltsgebieten präsentiert.

Der Stichwortbestand konnte massiv überarbeitet und erneuert werden, sodass über 2.500 neue oder grundlegend aktualisierte Stichwörter für die 18. Auflage aufgenommen werden konnten. Fokussiert wurden hier die Bereiche "Klinische Psychologie und Psychotherapie", "Psychopharmakologie" sowie "Differentielle und Persönlichkeitspsychologie". Professor Petermann hat die Überarbeitung der Klinischen Inhalte organisiert. Dabei konnten insbesondere ausführliche Darstellungen zu allen wichtigen psychischen Störungen neu aufgenommen werden, die sich an den Behandlungsstandards gemäß der AWMF-Leitlinien orientieren. Professor Gründer von der RWTH Aachen hat als Gebietsexperte die Neueditierung aller ca. 900 Stichwörter des Bereichs "Psychopharmakologie" organisiert. Die Aufnahme aktueller und verlässlicher psychotherapeutischer und psychopharmakologischer Standards stellt inhaltlich die hervorstechendste Neuerung dar. Aber auch die umfassende Aktualisierung der Persönlichkeitspsychologie durch Professor Asendorpf ist als Highlight der Neuauflage hervorzuheben.

 

Über 500 Stichwortautoren schreiben bei diesem großen Werk mit – mehr als 12.500 Begriffe werden gelistet. Was, wenn ein scheinbar wichtiges Stichwort fehlt?


Fehlt ein Stichwort oder muss der Inhalt aktualisiert werden, so wird ein aktiver Autor oder ein bisher nicht aktiver Experte mit der Bitte um Editierung kontaktiert. Die größere Herausforderung besteht aber darin, dass zunächst einmal erkannt werden muss, welche Stichwörter fehlen. Um diese erkennen zu können, erfolgt die Anpassung der Inhalte des Dorsch mittels drei zentraler Instrumente. Den 19 Gebietsexperten obliegt es, den Stichwortbestand jedes Gebiets im Blick zu behalten und hinsichtlich Aktualisierungsnotwendigkeiten zu prüfen. Die Perspektive der Autoren ist in der Regel fokussierter und betrifft einen kleineren Inhaltsbereich. Im Jahresrhythmus werden alle Beteiligten gebeten, Vorschläge und Anregungen an die Redaktion zurückzumelden. Das zweite Instrument besteht darin, dass die Redaktion aktuelle Veröffentlichungen ständig hinsichtlich relevanter Begriffe und Konzepte prüft. Drittens besteht für die Leser ständig die Möglichkeit, über das Dorsch-Onlineportal gewünschte Neueinträge vorzuschlagen.


Welchen weiteren Nutzen hat das Onlineportal zum Dorsch?

Das Dorsch-Onlineportal enthält alle Informationen, die auch in der Druckversion des Dorsch enthalten sind. Da der Käufer des Buchs einen Zugang zum Onlineportal erhält, kann er die kompletten Inhalte auf dem Smartphone oder dem Laptop abrufen. Das durchaus „gewichtige“ Buch ist so bequem in der Hosentasche ohne Zusatzgewicht präsent. Alle neuen Dorsch-Beiträge werden unmittelbar hochgeladen, sodass der Onlinebestand tagesaktuell bereitgestellt wird.


Was macht den Dorsch noch 96 Jahre nach der 1. Auflage zu einem unverzichtbaren Werk für Psychologen?

Die parallele Entwicklungsgeschichte des Dorsch und der Wissenschaftsdisziplin sind sehr interessant. Während das Fachwörterbuch bis zur 3. Auflage sehr knapp die wichtigsten Inhalte enthielt, wuchs der Bestand unter dem Herausgeber Friedrich Dorsch bis zur 9. Auflage, die 1976 erschien, zu einem beeindruckenden Kompendium. Die wachsende Bedeutung und Professionalisierung der Psychologie in dieser Zeit spiegelt sich nicht nur im Dorsch wider, sondern wurde auch durch den Dorsch mitgeprägt. Als ich Anfang der 1990er-Jahre in Münster Psychologie studierte, war im Zweifel der Dorsch die Quelle zuverlässigen Wissens.

Mit den Neustrukturierungen und den umfassenden Aktualisierungen seit der 16. Auflage spiegeln sich die aktuellen Entwicklungen sowohl in der Breite als auch in der Tiefe des präsentierten psychologischen Wissens wieder. Die immer facettenreichere Struktur, durch die Etablierung neuer Disziplinen, wie z. B. Medienpsychologie, Rechtspsychologie, Gesundheitspsychologie oder Wirtschaftspsychologie, bildet sich klar strukturiert im Dorsch ab. Fragt man einen Psychologen, was Psychologie charakterisiert oder beinhaltet, so ist die Antwort „Das, was im Dorsch steht“ naheliegend.

Psychologen schätzen einen weiteren Aspekt sehr, den man bei einem klassischen Lexikon nicht erwarten würde. Die Beiträge haben oft Lehrbuch- oder Essaycharakter und werden extrem ausführlich aufgegliedert: So wird z. B. der Oberbegriff  „Entwicklung/Entwicklungsstörungen" auf 20 dicht bedruckten Seiten extrem differenziert aufgegliedert. Intelligenz wird in verschiedenen Beiträgen auf über 35 Seiten facettenreich ausgeführt. Die Differenziertheit übertrifft oft die Darstellung in etablierten spezialisierten Handbüchern.

Der Dorsch setzt konsequent auf Vollständigkeit, Strukturiertheit, Aktualität und Qualität der Inhalte. Es existiert kein anderes deutschsprachiges Lexikon in dieser Disziplin, das diese Anforderungen nur annähernd so umfassend erfüllt. Das hervorstechendste Qualitätsmerkmal ist dabei, dass die Beiträge von führenden Psychologen selbst verfasst wurden. Dass Professor Gigerenzer selbst den Beitrag zu dem von ihm entwickelten Konzept der „Ökologischen Rationalität“ verfasst, dass Professor Reinecker selbst die Darstellungen zu verhaltenstherapeutischen Techniken beisteuert oder dass Professor Groeben die „Psychologie als Sozialwissenschaft“ darstellt, verdeutlicht nicht nur die sehr hohe inhaltliche Qualität des Lexikons. Vielmehr unterstreicht die Mitarbeit so herausragender Psychologen den hohen Stellenwert, den dieses Standardwerk für die psychologische Fach-Community hat. Das ist Wissen aus erster Hand und engagiert gelebte Fachkultur im Buchformat. Der Dorsch manifestiert so in gewissem Maße das Selbstverständnis und die Identität der Psychologie.

 

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