Kulturunabhängige Intelligenzdiagnostik bei Flüchtlingen

Intelligenzdiagnostik findet in Deutschland in vielen Bereichen statt: in der Schule, bei der Bewerber-Auswahl oder auch im Rahmen klinischer Fragestellungen. Die eingesetzten Intelligenztests sind in aller Regel an deutschen Stichproben normiert, um die Testergebnisse vergleichbar zu machen, und auch die Aufgaben sind auf die deutsche Zielgruppe abgestimmt, da kulturelle Faktoren wie Sprache und Bildungssystem einen Einfluss auf die Leistungen haben. Es ist daher unklar, ob diese Verfahren auch bei Personen aus anderen Kulturkreisen sinnvoll einsetzbar sind: sind die Ergebnisse valide (also: gültig) und die Testungen fair?

Bild: CFT 20-R Arabic

Für die Umsetzung dieses Forschungsprojekts wurde der nonverbale Intelligenztest CFT 20-R eigens ins Arabische übersetzt und im Hogrefe Testsystem 5 elektronisch verfügbar gemacht. In der Nähe von Gummersbach konnte damit eine erste Untersuchung mit interessierten Flüchtlingen durchgeführt werden. Diese explorative Untersuchung zielte darauf ab, erste Eindrücke zu erhalten, wie die Testdurchführung wahrgenommen wurde und ob es Schwierigkeiten beim Verständnis oder bei der Durchführung gab. Zudem war die allgemeine Akzeptanz des Verfahrens durch die Teilnehmenden ein wichtiger Faktor.

Die Forschungsgruppe, bestehend aus zwei Studentinnen, einem Hochschullehrer und einem syrischen Arzt, selbst Flüchtling, wurde mit großem Interesse empfangen. Die Erhebung fand in einem Wohnheim statt und wurde mit Tablet-PCs mit mobiler Datenverbindung durchgeführt. Im Anschluss an die Testdurchführung fanden kurze Interviews, eine persönliche Ergebnisrückmeldung und ein Gruppenfeedback statt. Alle Teilnehmenden waren sehr aufgeschlossen gegenüber dieser neuen Erfahrung – die Mehrheit war noch nie mit computergestützten Testverfahren oder Intelligenztests in Berührung gekommen. Für die Forschungsgruppe war es ebenfalls eine sehr bereichernde Erfahrung, über Sprachbarrieren hinweg zu arbeiten und Einblicke in die Kultur der Beteiligten zu erhalten.

Als erste Tendenz zeichnete sich in den erhobenen Daten ab, dass der CFT 20-R innerhalb der Flüchtlingsgruppe differenziert. Trotz zum Teil vorliegender sehr guter schulischer und universitärer Vorbildung wurden keine überdurchschnittlichen Ergebnisse erzielt, wenn sie mit der deutschen Normstichprobe verglichen wurden. Ein möglicher Erklärungsansatz, der sich bereits während des Gruppenfeedbacks ergab: Antwortalternativen wie "keine Antwort" sind im Kulturkreis der getesteten Personen eher untypisch.

In nächster Zeit werden weitere Testungen in Göttingen durchgeführt, die die Erkenntnisse erweitern werden. bf 

 

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