Trauer: Umgang mit Menschen, die einen schweren Verlust erlitten haben

Der Umgang mit trauernden Menschen, die einen schweren Verlust erlitten haben, fällt nicht leicht. Passende, tröstende und mitfühlende Worte zu finden, ist eine Kunst, die geübt und gelernt werden will. Mitunter kann es schon hilfreich sein zu wissen, welche Äußerungen eher das Gegenteil von dem bewirken können, was ursprünglich beabsichtigt war. Jürgen Georg und Gabie Vef-Georg

Konfrontiert mit dem Tod, sind wir oft beklemmt und sprachlos. Diese Situation haben sicher schon viele erlebt. Wir wissen nicht, was wir sagen sollen, wir fürchten uns etwas Falsches zu sagen … zu Recht.

Es wäre sehr schmerzhaft für die gerade von Tod und Verlust betroffenen Angehörigen, sich nicht hilfreiche, verletzende oder gar schädigende Aussagen anhören zu müssen, die Unverständnis bekunden. Eigentlich wollten wir doch trösten und mitfühlend sein. Besonders dann, wenn wir als Pflegende gefordert sind, professionell mit Tod und Sterben umzugehen.

Daher sollten Pflegende lernen, zwischen helfenden und nicht hilfreichen „Giftschrank“-Botschaften zu unterscheiden. Die nicht hilfreichen Botschaften bleiben im Gespräch mit Angehörigen im Giftschrank, am besten man wirft den „Schlüssel“ dazu gleich weg.

Alle Menschen, die noch nicht erlebt haben wie es ist, einen nahen Menschen zu verlieren, können nicht vollends nachempfinden, was und wie man dann fühlt. Sie können nur versuchen nachzuspüren, zu verstehen und sich vorzustellen, wie es wäre, wenn sie es schon erlebt hätten. Anders gesagt, wenn es einen „Club“ für Menschen gäbe, die bereits einen lieben Menschen verloren haben, dann kann in diesem Club erst Mitglied werden, wer diesen Verlust erlebt hat.

Im Folgenden einige „Giftschrank“-Botschaften mit Begründungen, warum diese in selbigen gehören:

  • „Ich weiß genau, wie Sie sich jetzt fühlen“ – fehlgeschlossene Solidarität

  • „Da wo der Verstorbene jetzt ist, geht es ihm gut“ – Beschönigung

  • „Der liebe Gott, gibt uns nur so viel zu, wie wir auch tragen können“ – Euphemismus

  • „Wir können nicht tiefer fallen als in Gottes Hand“ – wenig tröstende konfessionsgebundene Botschaft

  • „Kopf hoch, das wird schon wieder“, „Es ist nicht so schlimm, wie es aussieht“ – deplatzierte Durchhalteparole oder Beschwichtigungen

  • „Die Zeit heilt alle Wunden“ – falsches Heilsversprechen

  • „Auf Regen folgt Sonnenschein“ – falsche Unwetterwarnung

  • „Behalten Sie ihre/n Liebe/n so in Erinnerung wie vor dem Tod“ – Anblick der/s Toten ist unerlässlich für die spätere Trauerarbeit

  • „Du musst loslassen“ – Bindungen kappen, statt sich derer zu erinnern

  • „Haben Sie nicht gemerkt wie gefährdet er/sie ist“ – falsche Schuldzuweisung

  • „Vielleicht nehmen sich das andere starke Raucher zur Warnung“ – indirekte Schuldzuweisung, deplatzierter Gesundheitsförderungseifer

  • „Dafür war er/sie selbst verantwortlich“, „Wenn er/sie dies oder jenes nicht getan hätte, dann wäre er/sie heute noch am Leben“ – Falsche indirekte Schuldzuweisung

  • „Fragen Sie den Arzt nach einer Beruhigungsspritze“ – Medikalisierung einer natürlichen, psychischen Trauerreaktion; Sedativum führt zu einer Amnesie, die letzte Liebesdienste (z. B. Anblick der/s Toten) verunmöglicht.

  • „Am besten gehen Sie nach der Beerdigung schnell in die Ferien und vergessen das hier schnell“ – Vergessen ist ohne Erinnern nicht möglich

  • „Ach, das hab ich selbst schon durchgemacht! Ich sag Dir mal, was ich da unternommen habe.“ – Übertrumpfen von Schmerz

  • „Sind Sie die/der Wittwer …;“ – vorweggenommene Rollenveränderung von Ehefrauen/-männern.

Neben diesen Äußerungen können auch folgende Verhaltensweisen verletzend und nicht hilfreich sein:

  • Man hat sich nach der Lage/Gefühlen erkundigt, dann jedoch rasch das Thema gewechselt und/oder nur sein Leid geklagt.

  • Man hat Sie nicht besucht, sich keine Zeit für Sie genommen oder ist ihnen sogar bewusst ausgewichen.

  • Man hat Ihnen besserwisserisch allerlei „hilfreiche Lösungen“ für Ihr Problem aufgetischt.

  • Man hat Sie ignoriert.

  • Man hat gesagt, man wolle Ihnen helfen, ohne anschließend etwas zu tun oder hat Ihnen nur ungeduldig zugehört.

Hilfreiche Reaktionen und Äußerungen

Entgegen diesen toxischen Botschaften gegenüber Menschen, die einen schweren Verlust erlitten haben, fasst Russ Harris (2013, S. 35-38) Reaktionen und Äußerungen zusammen, die Betroffene als hilfreich und unterstützend beschrieben haben:

  • Man hat Sie umarmt, gedrückt oder in den Arm genommen.

  • Man hat Ihre Hand gehalten.

  • Man hat Ihnen den Arm um die Schultern gelegt.

  • Man hat Ihren Schmerz nachempfunden: „Das ist bestimmt unheimlich schlimm für Dich“, „ich kann mir kaum vorstellen, was Du gerade durchmachst“, „ich spüre, wie sehr du leidest“.

  • Man hat gar nichts gesagt, sondern sich nur zu Ihnen gesetzt und Sie gewähren lassen.

  • Nach einem besonders schweren Verlust hat man Sie im Arm gehalten, während Sie geweint haben oder sogar mit Ihnen geweint.

  • Man hat Ihnen Unterstützung angeboten: „Kann ich etwas für Sie tun?“

  • Man hat Sie gefragt, wie Sie sich fühlen.

  • Man hat Ihnen die eigene Reaktion mitgeteilt: „Es tut mir so leid“, „Ich bin so zornig“, „Ich fühle mich hilflos. Wenn ich bloß etwas tun könnte.“, oder auch nur: „Ich weiß nicht, was ich sagen soll.“

  • Man hat Raum für Ihren Schmerz geschaffen: „Möchtest Du darüber sprechen?“, „Ist schon okay zu weinen“ oder „Du musst nichts sagen. Ich kann auch einfach nur hier bei Dir sitzen“.

  • Man hat Sie vorbehaltlos unterstützt, z. B. indem man Ihnen Essen gekocht, sich um Ihre Kinder/Haustiere gekümmert oder Ihnen bei anderen alltäglichen Aufgaben geholfen hat.

  • Man hat Ihnen aufrichtig zugehört, während Sie berichtet haben, was Sie durchmachen.

  • Man hat etwas wie „Ich bin für Dich da“ gesagt und es ehrlich gemeint und wirklich eingehalten.

Trösten in Zeiten von COVID-19 und „Social Distancing“

Einige der von Harris in Vor-Corona-Zeiten formulierten Reaktionen, die auf tröstende Berührung setzen, können unter den aktuell geltenden Geboten des Abstandhaltens und der körperlichen Distanzierung wie folgt modifiziert werden

  • Man hat Ihnen mit einem verständigen Blick, mit einer freundlichen Geste, einem gütigen Lächeln, einem Nicken oder Winken signalisiert, dass man trotz „social distancing“ an ihrer Seite steht.

  • Man hat mit Ihnen Erinnerungen an die verstorbene Person per Brief, Telefon oder Textnachricht geteilt.

  • Man hat Ihnen Bilder des/der Verstobenen in einem Album zusammengestellt.

  • Man hat noch einmal mit Ihnen über den Sarg des Verstobenen gestrichen, die Kinder habe Botschaften an die Verstobene Person auf den Sarg geschrieben und gemalt.

  • Man hat ein Lied für Sie und den Verstorbenen aufgenommen.

  • Man hat Ihnen geholfen, allen die nicht an der Bestattung teilnehmen konnten, persönlich zu benachrichtigen und für ihr Mitfühlen und ihre Gebete zu danken.

  • Man mit Ihnen abgestimmt Teile der Beerdigung fotografiert und gefilmt und Ihnen dieser Erinnerungen geschenkt.

Schwere Verluste können Menschen gehörig aus dem Gleis des Lebens werfen, verbale Entgleisungen sind dann nicht hilfreich. Die Kunst des rechten „Haltens auf Verlangen“, der richtigen Weichenstellungen, des rechten Abbiegens und wieder ins Gleis Setzens will gelernt, geübt und ausgeübt werden. Nächster Halt: „Weiterleben“ – Ausstieg in Fahrrichtung rechts.

Literatur

Harris, R. (2013). Wer vor dem Schmerz flieht, wird von ihm eingeholt. Unterstützung in schwierigen Zeiten. München: Kösel.

Vef-Georg, G. & Georg, J. (2009). Giftschrank – Trauerbotschaften. In Georg, J. (Hrsg.), Pflege 2010 – Huber Pflegekalender (S. 186–187). Bern: Huber.


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