Zusatzdiagnose Burnout

von Dr. Katja Geuenich

Obwohl Burnout in aller Munde ist, ist das Syndrom nicht als eigenständige Diagnose anerkannt. Im medizinischen Sinne ist es keine Erkrankung. Ärzte und Psychologen können für das Beschwerdebild nur eine „Zusatzdiagnose“ vergeben. In der Praxis wird häufig eine Depression als Erstdiagnose und Burnout als Zusatzdiagnose gestellt. Doch worin unterscheiden sich Depression und Burnout?

Offiziell wird Burnout als „Problem mit Bezug auf Schwierigkeiten bei der Lebensbewältigung“ definiert. Das Syndrom ist damit eine sogenannte „Zusatzdiagnose“. Um eine Zusatzdiagnose zu stellen, müssen zwei Bedingungen erfüllt sein:

  1. Die Gesundheit der Person ist so stark beeinträchtigt, dass eine Behandlung notwendig ist.
  2. Die Symptome reichen aber nicht für die Diagnose einer psychischen Störung aus.

Ein Burnout hat große Ähnlichkeit mit einigen Merkmalen depressiver Störungen. Es ist trotzdem keinesfalls mit einer Depression gleichzusetzen. Das Kernmerkmal eines Burnouts ist eine körperliche und seelische Erschöpfung. Im Gegensatz dazu sind die Kernmerkmale einer Depression Niedergeschlagenheit, Antriebslosigkeit, Interessenverlust und Freudlosigkeit. Die Kernmerkmale von Burnout und Depression lassen sich damit voneinander abgrenzen. Allerdings existieren bis heute keine allgemeinverbindlichen, klar umrissenen Kriterien für ein Burnout. Dies liegt auch daran, dass Burnout nicht als mögliche Diagnose anerkannt ist.

Wenn sich alles nur noch um die Arbeit dreht

Bei einem Burnout ist charakteristisch, dass eine Person sich mit einer Aufgabe oder einer Verpflichtung überidentifiziert. Dies ist ein wesentlicher Unterschied zur Depression. Beim Burnout ist daher der Lebensbereich Beruf am stärksten betroffen. Man müsste genauer von einem berufsbedingten Burnout sprechen. Dies geschieht in der Alltagssprache aber kaum. Durch die starke Identifikation mit einer Aufgabe verausgabt sich der Betroffene. Er möchte seine Aufgabe möglichst gut erfüllen. Und er versucht, dies alleine und aus eigener Kraft zu schaffen. Bei Personen mit Burnout ist das Selbstwertgefühl sehr häufig eng an Leistung und Erfolg geknüpft, manchmal sogar fast ausschließlich. Betroffene nutzen Leistungserfolge dann als einzige Quelle, um ihr Selbstwertgefühl zu stabilisieren.

In der klinischen Arbeit hat sich außerdem gezeigt, dass Menschen mit einem Burnout oft

  • schon vor dem Auftreten erster Symptome unter chronischer Arbeitsüberlastung leiden,
  • glauben, sie müssten neue und schwierige berufliche Aufgaben jederzeit problemlos bewältigen können (Wunsch nach hoher Selbstwirksamkeit),
  • Strategien zur Problembewältigung sehr verbissen in einer Art „Wettkampf“ angehen (konkurrenzorientierte Problembewältigung),
  • der Arbeit absolute Priorität gegenüber allen anderen Lebensbereichen geben (Lebensdysbalance),
  • unter unerbittlichem beruflichen Erfolgsdruck stehen und sich von Erfolgen abhängig machen,
  • Schwierigkeiten haben, sich von beruflichen Aufgaben zu lösen und sich ganz auf andere Dinge einzulassen und ihnen ihre volle Aufmerksamkeit zu schenken.

Doppeldiagnose: Burnout und Depression

Oft wird Burnout als Zusatzdiagnose zu einer depressiven Erkrankung gestellt. Dies geschieht zum Teil deshalb, weil der Begriff Burnout nicht einheitlich definiert ist. Burnout und Depression sind sich hinsichtlich der reinen Symptomatik sehr ähnlich. Teilweise wird die „Doppeldiagnose“ aber auch aus praktischen Erwägungen gestellt. Dies trifft z.B. auf Anträge für Kostenerstattungen zu. Solche Anträge werden u.a. für eine psychotherapeutische Behandlung oder eine Erwerbsminderungsrente gestellt. Dabei müssen „krankheitsrelevante Einbußen“ nachgewiesen werden. Nur dann hat der Antrag Aussicht auf Erfolg. Für diesen Zweck erscheint eine Zusatzdiagnose in der Regel nicht „schlagkräftig“ genug. Dagegen ist eine Depression eine eigenständige Diagnose. Sie verspricht deshalb mehr Erfolg bei der Antragstellung. Der Patient erhält dann die Diagnose „Depression", obwohl in Wirklichkeit ein Burnout-Syndrom vorliegt. Diese Praxis erschwert es, die Bedeutsamkeit des Burnout-Syndroms realistisch einzuschätzen. Aus diesem Grund gibt es auch keine verlässlichen Angaben zur Häufigkeit eines Burnouts.

Burnout ist nicht einfach nur „viel Stress“

Im Vergleich zum Stress ist Burnout schwerwiegender. Wörtlich bedeutet „to burn out“ ausbrennen. Burnout hinterlässt in der Person tiefere Spuren als Stress. Davon ist auch das Selbsterleben der Person betroffen. Das Syndrom geht mit einer tiefgreifenden Erschöpfung einher. Diese ist nicht durch Urlaube oder Wellness zu kompensieren. Erholung alleine reicht nicht aus, um das Problem zu lösen. Zwar beschreiben sich Burnout-Betroffene mit Sätzen wie „Ich bin alle, mein Akku ist leer“. Die Veränderungen, die die Betroffenen erleben, sind aber viel schwerwiegender. Sie fühlen sich ohnmächtig, verlieren die Kontrolle und spüren, wie ihnen ihre Handlungskompetenz entgleitet. Sie erleben körperliche und geistige Einschränkungen, ohne etwas dagegen tun zu können. All dies schädigt das Selbstwertgefühl. Das Wertesystem der Betroffenen gerät ins Wanken und sie fühlen sich verstört. Das gesamte Persönlichkeitsbild, das eine Person von sich selbst hat, kann sich dadurch verändern. Betroffene nehmen dann ihre eigenen Stärken und die eigene Widerstandskraft kaum noch wahr.

Risikogruppe soziale Berufe: Sich einsetzen, aber nicht völlig verausgaben.

Vor allem Berufsgruppen aus dem sozialen Bereich gelten als gefährdet, ein Burnout-Syndrom zu entwickeln. Dazu gehören beispielsweise Ärzte, Lehrer und Sozialarbeiter. Bei all diesen Berufen wird ein hohes Maß an emotionalem Engagement und Identifikation mit der eigenen Arbeit gefordert. Viele weitere hohe Erwartungen werden an diese Berufsgruppen gestellt. Dazu zählen unter anderem die Bereitschaft zur Verantwortungsübernahme, Ehrgeiz sowie Bindungs- und Durchhaltevermögen. All diese Eigenschaften helfen tatsächlich, die Aufgaben gut zu erfüllen. Sie werden nicht nur vom Arbeitgeber gewünscht, sondern tragen auch für die eigene Person zu einem guten Selbstwert bei. Gleichzeitig besteht jedoch die Gefahr der Selbstverausgabung. Die im Grunde positiven Verhaltensweisen können ins Negative umschlagen. Dies ist bei einem „zu viel des Guten“ der Fall. Wenn aus Durchhaltevermögen übertriebene Verausgabungsbereitschaft wird. Wenn sich gesunder Ehrgeiz in überhöhte Leistungsstandards wandelt. Wenn ganz allgemein der Beruf überbetont wird. Dann entsteht eine Lebensdysbalance. Die Arbeit dominiert alle anderen Lebensbereiche. Dies leistet auf Dauer einem Burnout Vorschub. Werden diese Verhaltensweisen in „überdosierter“ Form zur Gewohnheit, besteht die Gefahr eines Burnouts.

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