Ressourcenaktivierung

von Dr. Uta Deppe-Schmitz & Dr. Miriam Deubner-Böhme


Ressourcenaktivierung befindet sich in Coaching und Therapie derzeit stark im Aufwind. Da man Stress in der Arbeitswelt immer weniger ausweichen kann, wird es umso wichtiger, die eigenen Ressourcen gezielt zu aktivieren. Die Forschung zeigt außerdem, dass langfristige Therapieerfolge störungsunabhängig auch von erfolgreicher Ressourcenaktivierung abhängen.

Wir haben mit Frau Dr. Uta Deppe-Schmitz und Frau Dr. Miriam Deubner-Böhme gesprochen, die seit vielen Jahren mit Ressourcenaktivierung arbeiten und dazu forschen.


Frau Dr. Deppe-Schmitz und Frau Dr. Deubner-Böhme, können Sie kurz darauf eingehen, was psychische Ressourcen genau sind und wie sie uns in Stresssituationen dabei helfen, gesund zu bleiben?

Ressourcen sind alle Erfahrungen, mit denen wir körperliche und seelische Grundbedürfnisse erfüllen. Psychische Ressourcen beziehen sich beispielsweise auf das Ausmaß an Eingebundensein in ein soziales Netz, auf Kontakt, auf eine insgesamt positive Bilanz aus Lust und Frust, auf Orientierung, also auf Ziele und Motive, auf eigene Gestaltungsmöglichkeiten sowie auf ein ausreichend hohes Selbstwerterleben. Wichtig ist dabei, dass ich das, was ich tue, als für mich persönlich wertvoll erlebe.

Ressourcenaktivierung stärkt unsere Gesundheit. Wer viele Ressourcen zur Verfügung hat, lebt in Einklang mit seinen Grundbedürfnissen und ist damit robuster gegenüber Herausforderungen. In Stresssituationen konzentrieren wir uns oft auf die problematischen Aspekte. Ressourcenaktivierung hilft, den Blick zu weiten und damit mehr Möglichkeiten wahrzunehmen, Stresssituationen zu begegnen. Ressourcen helfen uns auch, nach belastenden Situationen schnell wieder ins Gleichgewicht zu kommen.


Was genau ist (neu an) Ressourcenaktivierung und warum erlebt sie derzeit einen solchen Boom?

Das Besondere an dem von Klaus Grawe entwickelten Konzept der Ressourcenaktivierung ist die systematische Berücksichtigung von Ressourcen. Die Gesundheitspsychologie und die klinische Psychologie haben sich dagegen immer eher mit einzelnen Aspekte gesundheitsförderlichen Verhaltens und Erlebens beschäftigt. Uns geht es im Zusammenhang mit Ressourcenaktivierung um die Gesamtheit von Ressourcen, die notwendig sind für den Erhalt unserer Gesundheit. Ressourcenaktivierung dient der Erfüllung angeborener Grundbedürfnisse und ist damit ein ganz natürlicher Prozess zur Erhaltung unserer Gesundheit.

Die Ergebnisse der Forschung zur Ressourcenaktivierung haben eine große Bedeutung für die Psychotherapie. Die zugrundeliegenden Mechanismen lassen sich aber auch sehr gut auf Beratung, Coaching und Training übertragen: Menschen, die ihre Ressourcen aktivieren, bleiben gesund und haben damit eine gute Voraussetzung, Veränderungen zu begegnen, Neues zu lernen und besondere Herausforderungen zu bewältigen.

Tatsächlich beobachten wir einen "Boom" für Ressourcenaktivierung gerade im Wirtschaftskontext. Immer mehr Unternehmen stellen einen Bedarf an Beratung für Führungskräfte fest, sich selbst und ihre Mitarbeiter gesund durch unsichere Zeiten mit komplexen, sich ständig verändernden Bedingungen zu führen. Coaching mit Ressourcenaktivierung trifft hier das Bedürfnis von Führungskräften.


Sie haben in Berlin das "Institut für Ressourcenaktivierung" ins Leben gerufen. Was interessiert Sie persönlich am Thema Ressourcen?

Wir sehen Strategien einer bewussten Ressourcenaktivierung als entscheidende Ergänzung zu den Ansätzen, die direkt an der herausfordernden Situation ansetzen. Gerade in Situationen, die wir nicht verändern können, hilft es uns, Ressourcen zu aktivieren. Eine bewusste Ressourcenaktivierung funktioniert in jedem Lebensbereich, in jeder Situation, und sie liegt in unserer Hand! Uns fasziniert die Kraft, die ein solcher Prozess entfalten kann – sowohl für Gesundheit und Wohlbefinden als auch für einen kreativen Umgang mit konkreten Herausforderungen. Unser Institut hat zum Ziel, Ressourcen in das Leben der Menschen zu bringen und zwar in den unterschiedlichsten Kontexten.


Damit Klienten die eigenen Ressourcen erkennen und wahrnehmen können, werden immer häufiger Bilder oder Aktivierungskarten (z.B. mit Fragen) eingesetzt. Welchen Vorteil haben solche Karten?

Über Bildkarten gelingt ein intuitiver Zugang zum eigenen Erleben. Klienten werden in einen aktivierten Zustand versetzt und sind so viel offener und kreativer, als wenn sie rein rational über bestimmte Fragestellungen nachdenken. Die Karten haben den großen Vorteil, dass sie ein spielerisches Element beinhalten, und sie lassen sich sehr variabel in unzähligen Variationen einsetzen. Durch das Durchmischen der Karten entstehen zufällig immer wieder neue Anregungen und unerwartete Perspektiven.


Sie haben selbst "100 Karten für das Coaching mit Ressourcenaktivierung" zusammengestellt. Wie werden diese Karten in der Praxis eingesetzt? Können Sie von einem Fallbeispiel berichten?

Wir geben Ihnen gerne ein Beispiel für eine Anwendung, die hilfreich für ganz verschiedene Coaching-Anliegen ist: In unserer Basisübung 1 werden Klienten gebeten, mit dem Fokus auf die aktuelle Situation oder die konkrete Herausforderung, eine Bildkarte auszuwählen und dazu ihre Ressourcen zu assoziieren. Unterstützend können Fragekarten ausgewählt werden, die eine Anregung geben, wie die seelischen Grundbedürfnisse erfüllt werden könnten. Ein typisches Anliegen ist beispielsweise, robuster gegenüber Stress in der Arbeit zu werden. Eine Klientin wählte die Karte mit dem Pferd und kam u.a. zu folgenden Ressourcenassoziationen: "Ich bin frei", "Ich bestimme den Weg", "Freude an der Bewegung", "Ich bin konzentriert", "sich einlassen können – als Reiterin auf das Pferd, im Leben auf andere Menschen" etc. Sie wählte auch die Karte mit dem Strand und machte sich mithilfe dieses Bildes ihre Ressourcen „einen Ort zum Wohlfühlen haben", "Lebensenergie spüren bei Wind und Wetter", "Erholung finden am Strand" bewusst.

 

Bildkarten "Pferd" und "Strand" sowie exemplarische Fragekarte aus den "100 Karten für das Coaching mit Ressourcenaktivierung" (Deppe-Schmitz & Deubner-Böhme, 2018)


Im Coaching wurde die Klientin angeregt, zu reflektieren, was zu tun wäre, damit die genannten Ressourcen eine positive Wirkung für ihr konkretes Coaching-Anliegen entfalten könnten. So entstand ein Handlungsplan für den Umgang mit sich selbst in der konkreten Situation. Die Klientin konnte für sich erarbeiten, dass sie gerade in stressigen Zeiten darauf achtet, Bewegung in ihren Alltag zu bringen, indem sie z.B. das Fahrrad für alltägliche Wege nutzt und eben nicht den Fitness-Studio-Termin streicht! Sie hat sich entschieden, ihr Tun dahingehend zu hinterfragen, ob es ihren Zielen und Werten entspricht. Um den Aspekt der Freiheit stärker in ihr Leben zu bringen, achtet sie mehr darauf, neue Dinge auszuprobieren, z.B. mittags neue Essensmöglichkeiten zu testen, die Wege zur Arbeit zu variieren, die Wohnung umzudekorieren und Möbel umzustellen. Unter anderem durch diese Veränderungen konnte die Klientin ihre Erholungsinseln im stressigen Alltag finden, und sie erlebte mehr Gelassenheit und Freude.


In einem geschützten Setting gelingt die Wahrnehmung und Aktivierung von Ressourcen sicherlich leichter – wie lassen sich Ressourcen auch im (Arbeits-)Alltag abrufen und nutzen?

Wir arbeiten hier mit sogenannten "Ressourcenankern". Das können z.B. einzelne Ressourcenbildkarten, aber auch Symbole oder Gegenstände sein, die unsere Klienten an ihre Ressourcen in ihrem Alltag erinnern sollen. Im Coaching erarbeiten wir mit unseren Klienten, welche Ressourcen sie konkret mit diesem Anker verbinden und an welchem Ort der Ressourcenanker im Alltag seinen Platz haben sollte, um als Erinnerungsstütze zu wirken. Viele Klienten wählen einen Platz auf ihrem Schreibtisch oder in der Küche neben der Kaffeemaschine aus – Orte, an denen sie länger verweilen oder häufig vorbei gehen. Auch eine kleine Erinnerung im Alltag hilft manchmal, sich seiner Ressourcen wieder bewusst zu werden.

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