Unterstützung für Kinder schwer kranker Eltern

von Alain Di Gallo

Erkrankt ein Elternteil ernsthaft, sind alle Familienmitglieder betroffen. Die Erkrankung bedeutet eine Erschütterung des Gleichgewichts. Lebensplanung und oft auch Ziele und Zukunftserwartungen werden auf die Probe gestellt oder müssen unter Umständen neu definiert werden. Der kranke Mensch erlebt eine existenzielle Bedrohung, der gesunde Elternteil steht vor einer doppelten Herausforderung: Er ist haltsuchend in seinen eigenen Gefühlen und haltgebend für den kranken Partner sowie für die Kinder.

Belastung von Kindern oft unterschätzt
Kinder spüren oft die Not ihrer Eltern und zeigen sich von ihrer stärksten Seite, um die eigenen Sorgen von den Eltern fern zu halten. Diese scheinbare Unauffälligkeit im Verhalten kann zur Folge haben, dass die Eltern die Belastung ihrer Kinder unterschätzen.

Hinzu kommt, dass Kinder kranker Eltern im medizinischen System oft wenig Beachtung geschenkt wird. Ganz anders ist die Reaktion, wenn ein Kind selbst ernsthaft erkrankt. In der Kinderonkologie ist es zum Beispiel eine Selbstverständlichkeit, dass die ganze Familie einbezogen wird und psychosoziale Unterstützung erhält.

Eltern-Kind-Beziehung in Behandlung kaum beachtet
Während sich zunehmend ein Bewusstsein für die Not von Kindern psychisch kranker Eltern entwickelt und entsprechende Hilfsangebote entstehen, werden die Kinder körperlich kranker Eltern in der Erwachsenenmedizin immer noch kaum wahrgenommen. Manchmal ist nicht einmal bekannt, ob die Patienten Kinder haben und die Eltern-Kind-Beziehung spielt in der Behandlung kaum eine Rolle.

 

Kind mit krankem Elternteil
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Kinder unterstützen bedeutet auch innerfamiläre Kommunikationsmuster verstehen
Es werden fünf typische Muster beschrieben, die bei Familien als Reaktionen auf eine elterliche Erkrankung auftreten können:

  • Betonung des Zusammenhalts,
  • Rückzug von der Umwelt,
  • geringe Flexibilität,
  • Konfliktvermeidung,
  • Parentifizierung.

Diese Muster sind keineswegs immer pathologisch, sondern dienen in erster Linie der Adaptation.

Wenn man Kinder unterstützen will, erfordert dies ein Grundverständnis für ihren Entwicklungsstand und für die Art der innerfamiliären Kommunikation. Nur in diesem Kontext vermögen wir uns ein Bild zu verschaffen, wo das Kind steht, welche Fragen es hat und welche Ressourcen ihm und seinem Umfeld zur Verfügung stehen. Diese Kenntnisse sind eine Voraussetzung für angemessenes Intervenieren.

Interventionen sollten bei Kommunikationsmustern ansetzen
Neben dem entwicklungsabhängigen Krankheitsverständnis ist für das kindliche Coping die Art der innerfamiliären Kommunikation von grosser Bedeutung. Interessanterweise zeigen die meisten wissenschaftlichen Studien, dass medizinische Faktoren, wie die objektive Schwere, Dauer oder Prognose einer elterlichen Krebserkrankung, kaum einen Einfluss auf die psychiatrische Symptomschwere der Kinder haben.

Demgegenüber konnten für psychosoziale Faktoren, wie elterliche Depression oder dysfunktionale familiäre Beziehungen und Kommunikationsmuster eindeutige Zusammenhänge mit kindlicher Psychopathologie gefunden werden. Dem entsprechend sollten Interventionen hauptsächlich an diesen Punkten ansetzen und

  • die Eltern in ihrer Verantwortung für die Kinder und ihrer Befindlichkeit stützen;
  • die innerfamiliäre Kommunikation stärken und den Austausch von Gefühlen fördern:
  • den Kindern eine kognitive Orientierung, gleichsam eine Validierung an der Realität, ermöglichen.

Jede Familie geht auf ihre ganz persönliche Weise mit einer elterlichen Erkrankung um. Für beteiligte Ärztinnen und Ärzte, unabhängig von den Rollen und Aufgaben, muss an erster Stelle immer der Respekt vor den individuellen Belastungen und Ressourcen stehen. HE 

Bibliografie

Di Gallo A: Wenn ein Elternteil körperlich schwer erkrankt – Herausforderung in der ärztlichen Praxis mit Blick auf die betroffenen Kinder. Praxis 2019; 108: 554–558.

Das Thema stammt aus der aktuellen Ausgabe unserer Fortbildungszeitschrift Praxis. Ärzte und Ärztinnen lesen Praxis vom Studium über die Assistenzjahre bis in die eigene Praxis. Originalartikel, Mini-Reviews, Praxis-Fälle und die klinischen Kurzstandards sind Peer-reviewed; CME-Artikel werden von SGAIM und SGUM als Fortbildung anerkannt und zeichnen sich durch ihren hohen Praxisbezug aus; grosses Gewicht wird auf problemorientierte Abklärungsstrategien gelegt.

  • Ärztliche Praxis
  • Ressort Medizin/Gesundheitswesen