Tabuthema Inkontinenz


Harninkontinenz wird mit hohem Alter oder mit Demenz assoziiert. Aber auch schon junge Frauen können davon betroffen sein. Lebensqualität, Sexualleben, Arbeit und Freizeit, soziale Kontakte können beeinträchtigt werden. Wie umgehen mit dem Tabuthema?

Das Problem sollte zusammen mit einem Facharzt abgeklärt werden. Die häufigste Inkontinenzform ist die Belastungsinkontinenz, der Urinverlust bei körperlichen Aktivitäten, wie Husten, Lachen, Niesen, Treppensteigen, Sport. Gründe für die Belastungsinkontinenz sind geschwächte Beckenbodenmuskulatur, Gewebeabbau und dünne Schleimhäute durch Östrogenmangel bei Frauen nach den Wechseljahren, Bindegewebsschwäche und Erschlaffung der Aufhängebänder der Harnröhre.

Welche Therapieoptionen gibt es? Zuerst wird eine Belastungsinkontinenz konservativ behandelt. Dazu gehören Physiotherapie und Vibrationstherapie zur Stärkung der Beckenbodenmuskulatur, eine lokale Behandlung mit Östrogenen zum Gewebeaufbau, oder die Einlage eines Pessars zur Unterstützung der Harnröhre.

Wenn nach dreimonatiger Behandlung die Inkontinenz weiter besteht, sollte eine invasivere Therapie in Betracht gezogen werden. Dabei gibt es verschiedene Möglichkeiten, die – je nach Patientin – individuell gewählt werden sollten.

Der Goldstandard der Belastungsinkontinenzoperationen ist die Einlage einer spannungsfreien Schlinge (TVT-Band) genau an der Stelle, an der die körpereigenen Bänder erschlafft sind, oder wo die Beckenbodenmuskulatur die Harnröhre nicht mehr unterstützt. Der Eingriff unter Lokalanästhesie ist vor allem für Frauen über 40 Jahre ohne Kinderwunsch geeignet. Die Heilungsrate liegt bei hohen 90%.

Die Umspritzung der Harnröhre mit einer Füllsubstanz (z.B. Bulkamid®) ist weniger invasiv und deshalb auch geeignet für ältere Frauen mit komplizierenden schwerwiegenden Begleiterkrankungen und eingeschränkter Narkosefähigkeit. Unter Lokalanästhesie werden drei bis vier Depots in die Harnröhre gespritzt. Dadurch wird der Schliessmechanismus verbessert und die Patientin wird kontinent. Die Verbesserungs-/Heilungsraten liegen bei 80% und die Komplikationsraten sind sehr niedrig.

Die Pelvic-Floor-Sonografie, die Darstellung des Beckenbodens mittels Ultraschall, hat für die Planung, die Durchführung und die nachträgliche Überprüfung der Operation und die Evaluierung von Komplikationen eine entscheidende Bedeutung. Im Praxis-Artikel von Rautenberg et al. finden Sie detaillierte Informationen über diese prä- und postoperativen Untersuchungen und wie die Resultate Operationsplanung und Komplikationsmanagement beeinflussen.

Marianne Gamper und Volker Viereck

Die Autoren

Marianne Gamper ist im Thurgau, Schweiz, aufgewachsen. 1991 promovierte sie am Institut für Mikrobiologie der ETH Zürich (Dr. sc. nat.). Darauf folgten Postdoktorate an der University of California, San Diego (UCSD) und der ETH Zürich. 2010 erlangte sie das "Certificate of Advanced Studies UZH in Clinical Trial Management" der Universität Zürich.

Seit 2006 arbeitet Marianne Gamper als wissenschaftliche Projektleiterin an der Frauenklinik des Kantonsspitals Frauenfeld mit einem Laborplatz am Laboratorium für Organische Chemie der ETH Zürich. Schwerpunktthemen sind "Blasenschmerzsyndrom/Interstitielle Zystitis" und Studien zur Prolaps- und Inkontinenztherapie. Marianne Gamper hat mehrere internationale Preise auf dem Gebiet der Urogynäkologie gewonnen.

 

Volker Viereck ist in Stuttgart, Deutschland aufgewachsen. 1995 promovierte er an der Albert-Einstein-Universität in Ulm (Dr. med.). Er arbeitete am Luzerner Kantonsspital und an den Universitäten Marburg und Göttingen. 2004 habilitierte er und 2010 wurde er Titularprofessor an der Georg-August-Universität in Göttingen. Seit 2017 ist er Schwerpunkttitelträger für "Urogynäkologie" (Schweiz).

Volker Viereck arbeitet seit 2005 an der Frauenklinik des Kantonspitals Frauenfeld. Er ist Co-Chefarzt Gynäkologie & Geburtshilfe sowie Chefarzt Urogynäkologie. Langjährig ist er in verschiedenen Vorständen tätig, wie zum Beispiel der Arbeitsgemeinschaft für Urogynäkologie und Beckenboden-Pathologie (AUG) der Schweizerischen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (SGGG), der Arbeitsgemeinschaft für Urogynäkologie und plastische Beckenbodenrekonstruktion (AGUB) der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe e.V. (DGGG), der Interdisziplinären Schweizer Arbeitsgruppe für Vulva-Erkrankungen, und der Special Interest Group "Pelvic Floor Imaging" und "Laparoscopic Surgery" der IUGA (International Urogynecological Association).

 

 

 

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  • Gynäkologie
  • Ressort Medizin/Gesundheitswesen