Impfungen – Fluch oder Segen?

Impfungen polarisieren. Dabei sind sie eine einzige Erfolgsgeschichte. Bis vor wenigen Jahrzehnten noch lebensbedrohlich sind Krankheiten wie Pocken, Kinderlähmung, Masern, Tollwut oder Gelbfieber aus unserem Bewusstsein fast verschwunden. Ein Grund für Nachlässigkeit gibt es deshalb aber nicht.


Wer sich impft, schützt damit auch andere.

Grippe: nicht harmlos, aber vermeidbar

Die Grippe (Influenza-Infektion) gehört zu den durch Impfungen verhütbaren Erkrankungen. Doch die Bereitschaft, sich gegen diese alljährlich auftretende Infektionskrankheit zu schützen, ist in der Allgemeinbevölkerung minimal. Dabei handelt es sich in keiner Weise um eine immer harmlos verlaufende Erkrankung. Personen mit naturgemäss geschwächtem Immunsystem, wie schwangere Frauen und ältere Menschen, sind für einen schweren und potenziell tödlichen Krankheitsverlauf besonders gefährdet. Doch gerade bei diesen Menschen ist wegen ihres schwächeren Immunsystems auch die Wirkung der Grippeimpfung nicht mehr gleich gut wie bei der Restbevölkerung. Es stellt sich daher die Frage, ob nicht grösseres Gewicht auf die Impfung der gesunden Personen in der Umgebung von gefährdeten Menschen gelegt werden sollte, um so die Immungeschwächten indirekt vor Ansteckung zu schützen. Untersuchungen aus Japan wie auch moderne Modellrechnungen weisen darauf hin, dass eine konsequente Impfung von (Schul-)Kindern bezüglich Mortalität am wirksamsten wäre [1].


Humane Papilloma-Viren (HPV): Krebsgefahr

Seit der Zusammenhang zwischen der Infektion mit den sexuell übertragbaren Papilloma-Viren und einer späteren Entwicklung eines Zervixkarzinoms (Gebärmutterhalskrebs) bewiesen mit dem Nobelpreis gewürdigt worden ist, wurden Mädchen und junge Frauen vor dem ersten Geschlechtsverkehr geimpft. Weitere Krebsarten, wie Penis-, Vulva-, Vaginal- und Analkarzinome werden ebenfalls sehr häufig durch HPV-Viren verursacht, sodass die Impfempfehlung in der Schweiz seit 2015 auf Knaben und junge Männer ausgeweitet wurde. In Ländern, in denen mehr als die Hälfte der 13- bis 19-jährigen Mädchen geimpft worden war, ging die Infektion mit diesem krebserregenden Virus im Vergleich zu vorher um knapp 70% zurück [2]. Ein Erfolg also.


Varizella-zoster-Virus: ein Virus, zwei Krankheiten

Das Varizella-Virus verursacht die als Kinderkrankheit bekannten, in der Regel harmlos verlaufenden Windpocken. Bei Erwachsenen, Schwangeren, Frühgeborenen oder Immungeschwächten können allerdings auch schwere, z.T. tödliche Komplikationen auftreten. Deshalb sollten erwachsene Personen, die im Kindesalter keine Windpocken hatten, geimpft werden.
Denn nach durchgemachter Krankheit in der Kindheit verfällt der Virus in einen „Schlafmodus“ und bleibt im Körper. In höherem Lebensalter, wenn auch das Immunsystem naturgemäss schwächer wird, kann der Virus wieder erwachen und die schmerzhafte Herpes-zoster-Erkrankung (Gürtelrose) auslösen. In 15-25% der Fälle entwickelt sich daraus eine ebenfalls schmerzhafte postherpetische Neuralgie als Komplikation, die noch drei Monate nach Abheilen der Gürtelrose auftreten kann. In der Schweiz treten jährlich ca. 37 000 Gürtelrose-Fälle bei über 50-Jährigen auf.

Für eine Impfung gegen Herpes zoster bzw. Gürtelrose besteht in Österreich, in einigen Bundesländern Deutschlands, Schweden und Regionen Italiens ab dem 50. Altersjahr eine Impfempfehlung, in den USA, Kanada, England und Australien ab 60 Jahren. In der Schweiz wird eine Impfempfehlung zurzeit überprüft [3].


Frühsommer-Meningoenzephalitis: Tod durch Zeckenbiss

Die FSME (Frühsommer-Meningoenzephalitis) ist eine Viren-Infektion des zentralen Nervensystems, die bleibende Schäden hinterlassen oder sogar tödlich verlaufen kann. Die Viren werden durch Zecken auf den Menschen übertragen. Die rasche Entfernung der Zecke verhindert die FSME-Infektion nicht, da die Viren im Speichel der Zecken zu Beginn des Saugaktes sofort unter die Haut injiziert werden. Eine Infektion macht sich durch grippeartige Symptome bis hin zur tödlichen Gehirnentzündung bemerkbar. Eine Therapie gegen FSME gibt es nicht, nur Vorbeugung durch Impfung.

Zecken kommen nicht nur in Wäldern und Waldrändern vor, sondern auch auf Sträuchern, Büschen, Hecken und gelegentlich auch in Hausgärten. Es gibt zahlreiche Gegenden in Deutschland, Österreich und der Schweiz, die zu den Endemiegebieten gehören und eine Impfung für alle Erwachsenen und Kinder ab sechs Jahre empfohlen ist (Schweiz). Ob Sie in einem solchen Gebiet wohnen oder sich öfter aufhalten, sehen Sie auf folgenden Karten [4]:

Zecken-Endemiegebiete der Schweiz
Zecken-Endemiegebiete Deutschland
Zecken-Endemiegebiete Österreich


Generelle Überlegungen zum Impfen

Manche überlegen sich, ob sie sich überhaupt impfen wollen. Möglicherweise hat der Erfolg von Impfkampagnen dazu geführt, dass Erkrankungen wie Poliomyelitis (Kinderlähmung), Pocken, Masern, etc. in unserem Bewusstsein nicht mehr als entstellend oder lebensgefährlich eingestuft sind. Die Kehrseite des Erfolgs sozusagen. Der Impfentscheid ist eine sehr persönliche Entscheidung und muss mittels ärztlicher Beratung abgewogen werden. Dieser Entscheid hat aber auch gesellschaftspolitische und philosophische Dimensionen.
Denn die körperliche Unversehrtheit ist als Grundrecht in der Verfassung garantiert. Die Verabreichung einer Impfung betrifft dieses Grundrecht und darf nur mit dem Einverständnis der Betroffenen durchgeführt werden. Viele Menschen haben einen sehr hohen Autonomieanspruch und fordern ihr Entscheidungsrecht ein. Das Recht auf Unversehrtheit haben aber auch Dritte, die nicht geimpft und von einer impfverhütbaren Krankheit betroffen werden können. Das oberste Gericht der USA legte sich beispielsweise in Bezug auf die Grenzen der religiösen Freiheiten von Eltern fest und hatte 1994 entschieden, dass das Recht auf freie Ausübung seiner Religion nicht auch das Recht umfasst, ein Kind oder die Gemeinschaft übertragbaren Krankheiten und deren Folgen wie Krankheit oder Tod auszusetzen [5]. vh

 

  1. Vernazza P: Influenza – Nicht harmlos, aber verhütbar. Therapeutische Umschau 2016; 73 (5): 231-234.
  2. Stronski Huwiler S, Spaar A: HPV-Impfung. Therapeutische Umschau 2016; 73 (5): 241-246.
  3. Eckert N, Masserey Spicher V: Varizellen und Herpes Zoster – Ein Virus, zwei Krankheiten und aktuelle Impfempfehlungen in der Schweiz. Therapeutische Umschau 2016; 73 (5): 247-252.
  4. Krause M, Majer S: Aktiv impfen gegen die Frühsommer-Meningoenzephalitis. Therapeutische Umschau 2016; 73 (5): 253-256.
  5. Capol S: Schaudern vor Impfzaudern? Therapeutische Umschau. 2016

Empfehlung des Verlages

 

Ausführliche Informationen zu diesen und weiteren Themen wie «Welche Impfungen für welche Reisedestination», «Impfen in der Schwangerschaft», «Impfungen bei Patienten mit Autoimmunerkrankungen und Immunsupprimierten» sind für Sie in diesem Heft der Therapeutischen Umschau  zusammengestellt.