Der zirkadiane Rhythmus bestimmt die Gesundheit


Alles Leben in der Natur richtet sich nach dem zirkadianen Rhythmus, dem Tag-Nacht-Rhythmus. Das wichtigste Kriterium ist dabei der Wechsel von hell nach dunkel im Tagesverlauf. Nicht nur das Verhalten, sondern viele Körperfunktionen sind vom zirkadianen Rhythmus bestimmt. Eine Störung des zirkadianen Rhythmus hat ein hohes krankmachendes Potenzial.

Alles zu seiner Zeit. Herzinfarkte oder eine Dekompensierung einer Herzinsuffizienz ereignen sich häufig in frühen Morgenstunden, unter anderem wegen des erneuten Blutdruckanstiegs in diesen Stunden. Auch Gelenkschmerzen sind morgens stärker als abends. Das hängt mit der höheren Kortisolfreisetzung um diese Zeit zusammen.


Der Körper ist ein "Gewohnheitstier"

Das Erkrankungsrisiko steigt, wenn die innere Uhr, die im Nucleus suprachiasmaticus im Gehirn lokalisiert ist, von außen immer wieder "verstellt" wird. Beispielsweise, wenn Arbeitszeiten wie bei Nachtschichten den rhythmischen Wechsel von hell nach dunkel verhindern. Auch permanentes spätes Zubettgehen, sei es wegen spannender Filme oder aus gesellschaftlichen Gründen, lassen uns immer weniger schlafen.

Im Nucleus suprachiasmaticus erfolgt in Abhängigkeit des Hell-Dunkel-Wechsels die Aktivierung bzw. Deaktivierung bestimmter Regulationsfaktoren, die sich dann z.B. als tageszeitabhängige bzw. zirkadiane Temperatur- oder Blutdruckschwankungen messen lassen. Dieser Regelkreis ist vergleichbar mit der Atomuhr, die alle anderen Uhren steuert.

Bekannte zirkadiane Rhythmen betreffen den Glukosehaushalt, Melatonin, Prolaktin, Wachstumshormon, Schilddrüsenhormon (TSH) sowie weitere Hormone. Wird die Uhr infolge wechselnden Lebenswandels immer wieder verstellt, geraten diese Rhythmen aus dem Takt. Man spricht von "chronischem Jet-lag" oder auch von "sozialem Jet-lag".


Dunkelheit in der Nacht wichtig

Um gesund zu bleiben, braucht der Körper nicht nur genügend Sonnenlicht, sondern auch genügend Dunkelheit. In unserer „lichtverschmutzten“ Umwelt voller künstlicher Lichtquellen gar kein so leichtes Unterfangen. Es gibt jedoch Regionen, in der die „Lichtverschmutzung“ in den letzten zwanzig Jahren auch abgenommen hat. Infolge Wegzug in die Städte sind ganze ländliche Regionen dunkler geworden. Eigentlich ideale Feriendestinationen.


Rhythmusstörung macht krank

Die Erdrotation und der damit verbundene Hell-Dunkel-Wechsel ist der wichtigste Zeitgeber. Dieser Rhythmus führte zu fixen Essenszeiten und längeren Phasen ohne Nahrungszufuhr. D.h. der Ablauf der Versorgung des Körpers mit Nahrung, die Energiespeicherung und der Energieverbrauch sind zeitlich aufeinander abgestimmt. Eine permanente Störung dieser Abläufe kann längerfristig zu Übergewicht, Bluthochdruck, Diabetes, Krebs, etc. führen. Solche permanenten Störungen sind z.B. Schichtarbeit, dauerndes Snacking, spätes Essen während der Nacht oder nächtliches Essen, Schlafrestriktion, Schlafunterbrechungen, Lichteinflüsse während der Dunkelphase wie z.B. vom Computerbildschirm, Fernsehschirm, Leuchtreklamen, Außen- und Innenbeleuchtungen, etc.

Es gibt auch einen Zusammenhang zwischen dem Körpergewicht bzw. Body-Maß-Index (BMI) und der Schlafdauer. Sowohl Kurz- als auch Langschläfer haben mehr auf den Rippen. Der tiefste BMI findet sich bei einer Schlafdauer zwischen sieben und acht Stunden. Denn durch die Schlafdauer werden u.a. die Appetitregulation und der Energiestoffwechsel moduliert. Eine verkürzte Schlafdauer führt zu vermehrtem Hungerempfinden und erhöhtem Appetit. Die Gewichtszunahme wird sozusagen während des Kurzschlafs programmiert. Kurzschlaf führt auch zu erhöhter Insulinsensitivität, d.h. das Risiko für die Entwicklung eines Diabetes nimmt deutlich zu. Kurzschläfer mit Diabetes haben verglichen zu normalschlafenden Diabetikern eine deutlich schlechtere Blutzuckereinstellung: 1% Differenz beim HbA1c-Wert. Der Effekt von antidiabetischen Medikamenten ist von ähnlicher Größenordnung, auch um 1%. Eine "Resynchronisation" würde hier also schon einige Medikamente einsparen. Einfache Lösung am schwierigsten.

In einer 24h/7-Tage-Gesellschaft, in der die Schlafdauer freiwillig oder unfreiwillig reduziert wird, und der Lebenswandel die Rhythmik zwischen Ruhe und Aktivität, zwischen hell und dunkel nicht mehr respektiert, nimmt das Risiko für chronische Herzkrankheiten und für Stoffwechselerkrankungen zu. Die Missachtung der von der Evolution vorgegebenen Rhythmen ist wohl einer der wichtigsten Krankheitstreiber der modernen Gesellschaft. Diesen Rhythmus wiederherzustellen ist die billigere, aber anstrengendere Medizin als Medikamente [1]. vh 

 

 1. Suter P: Zirkadianer Rhythmik und chronische Erkrankungen. Praxis 2015; 104: 1265-1270.105; 72: 711-715.


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