Hörverlust im Alter II: Alle Behandlungsmöglichkeiten ausschöpfen

Schwerhörigkeit kann massive Folgen haben. Leider werden Therapien oft nicht genutzt. Informieren Sie sich darüber, was Betroffene und Pflegende machen können. Von Brigitte Teigeler und Heike Zimmermann

Älterer Mann, dem von einer Ärztin ein Hörgerät angelegt wird.
Viele Menschen unternehmen erst spät etwas gegen ihre Schwerhörigkeit.

Wer schlecht hört, fühlt sich oft ausgegrenzt und zieht sich zurück. Dabei gibt es auch im Alter gute Therapieoptionen. Leider werden sie nur selten genutzt. Umso wichtiger ist es, dem Thema Schwerhörigkeit im Alter mehr Aufmerksamkeit zu schenken – auch in Pflegeeinrichtungen. Pflegefachpersonen können viel zum Wohlergehen hörbeeinträchtigter Menschen beitragen, indem sie einfache Gesprächsregeln beherzigen.

Ein Hörgerät – die Therapie der Wahl

Abhilfe bei Schwerhörigkeit schafft klassischerweise ein Hörgerät. Hier tun sich mit der Digitalisierung viele neue Möglichkeiten auf, fast täglich werden Innovationen vermeldet. Dennoch ist es nicht leicht, unter den mehr als 2000 angebotenen Hörgeräten das passende zu finden. Wichtig ist, sich gut beraten zu lassen und verschiedene Geräte zu testen. Die Hörgeräte gibt es dabei in unterschiedlichen Bauformen. Am bekanntesten sind Hinter-dem-Ohr-Hörgeräte (HdO), bei denen das Gerät hinter dem Ohr sitzt, oder Im-Ohr-Geräte (IdO), die im äußeren Gehörgang sitzen. Daneben gibt es winzige Kanalhörgeräte. Diese befinden sich direkt im Gehörgang und können mit einem dünnen Plastikfaden entfernt werden (RIC = Receiver-In-Canal, CIC = completely in canal). Auch Hörbrillen (HB) oder Knochenleitungshörbrillen (KN-HB) können eingesetzt werden.

Eine AHV- oder IV-Leistung für Hörgeräte kann bei der IV-Stelle des Wohnkantons beantragt werden. Versicherte im Pensionsalter erhalten einen fixen Pauschalbetrag für die Hörversorgung, wenn ein Gesamthörverlust von mindestens 35 % vorliegt. Dieser beträgt 630 CHF bei einseitiger und 1.237,50 CHF bei zweiseitiger Hörgeräteversorgung (alle 5 Jahre). In Deutschland liegen diese Festbeträge bei 784,94 Euro beziehungsweise bei 1.412,89 Euro für die beidseitige Versorgung.

In der Regel sollten die Betroffenen sich auf einen mehrmonatigen Eingewöhnungsprozess einstellen. Denn das Gehirn muss wieder lernen, akustische Reize wie Sprache, Geräusche und Töne, deren es sich lange Zeit entwöhnt hat, aufzunehmen und zu verarbeiten. Das erfordert, das Hörgerät den ganzen Tag in unterschiedlichen Alltagssituationen zu tragen. Gemäss einer Studie der Universität Zürich von Prof. Dr. Martin Meyer und Dr. Nathalie Giroud sollte für eine erfolgreiche Anpassung im Seniorenalter ein Hörgerät mindestens 12 Wochen täglich 12 Stunden lang getragen werden, bevor erste Erfolge messbar sind.

Wenn das Hörgerät nichts mehr nützt, kann oft ein Implantat helfen. „Cochlea“ ist der lateinische Ausdruck für Hörschnecke. Das Cochlea-Implantat (CI) ist eine implantierte Hörhilfe für Menschen, bei denen herkömmliche Hörgeräte zu wenig Nutzen bringen, der Hörnerv selber aber intakt ist. Cochlea-Implantate umgehen die beschädigten Bereiche des Ohrs und stimulieren den Hörnerv direkt: Der Sprachprozessor fängt die Klangsignale auf, wandelt sie in elektrische Signale um und sendet sie an das hinter dem Ohr unter die Haut eingebettete Implantat. Ein Elektrodenträger in der Hörschnecke stimuliert den Hörnerv, der seinerseits Signale an das Gehirn weiterleitet. Das Gehirn entschlüsselt dann die empfangenen Signale als Höreindruck.

Hörtrainings mit Lippenlesen und weitere Hilfen

Dennoch gilt: Ein Hörgerät verbessert in der Regel zwar das Sprachverständnis, bringt es aber nicht in jedem Fall hundertprozentig zurück. Ergänzend zum Hörgerät empfiehlt sich ein Hörtraining, in dem Betroffene das Restgehör trainieren und Lippenlesen lernen. Studien zeigen, dass das Lippenlesen die Sprachverarbeitung im Gehirn intensiviert. Dadurch steigt das Sprachverständnis, und das Risiko von Begleiterkrankungen nimmt ab. pro audito schweiz und die lokalen pro audito-Vereine bieten deshalb spezielle Hörtrainings an. Unter der Leitung einer diplomierten Audioagogin lernen Betroffene das Ablesen von den Lippen und trainieren das Restgehör, ihre Aufmerksamkeit und Konzentration. Ausserdem erwerben sie geeignete Hörtaktiken, die helfen, die Kommunikation mit dem Umfeld zu verbessern.

Auch gibt es heute für fast jede Situation ein technisches Hilfsmittel, das schwerhörigen Menschen den Alltag erleichtert. Etliche Hilfsmittel lassen sich nur nutzen, wenn das Hörgerät über eine aktivierte Telefonspule (T-Spule) verfügt. Bei der Wahl eines Hörgerätes sollte deshalb darauf geachtet werden, dass es eine T-Spule enthält und diese vom Hörgeräteakustiker auch aktiviert wird. Fehlt sie, ist das Hörgerät in vielen Fällen nicht kompatibel mit zusätzlichen Hilfsmitteln, beispielsweise fürs Telefonieren.

Weitere unterstützende Hilfsmittel können Lichtsignalanlagen für die Türklingel zu Hause oder Vibrationswecker sein. TV-Untertitelung macht das Fernsehen für Schwerhörige leichter. Diese können über den Teletext für fast alle Fernsehsender eingeblendet werden.

Was können Pflegende tun?

Pflegefachpersonen können viel dazu beitragen, dass schwerhörigen Menschen das Hören leichter fällt. Dazu gehört, mit Hörbeeinträchtigten deutlich, nicht zu schnell, in normaler Lautstärke und in gleichmässigem Tempo zu sprechen. Aussagen, Fragen und Antworten sollten dabei in kurzen, einfachen Sätzen formuliert werden. Pflegende sollten darauf achten, dass ihr Gesicht gut von vorne zu sehen ist, um ein gleichzeitiges Lesen von den Lippen zu ermöglichen. Auch gute Lichtverhältnisse sind wichtig. Zudem sollten sie sich vergewissern, dass Hörbeeinträchtigte alles richtig verstanden haben. Dies ist besonders wichtig bei Abmachungen und Anleitungen, zum Beispiel zur Medikamentengabe. Kommt es zu Verständigungsproblemen, sollte Nichtverstandenes mit anderen Worten umschrieben und wichtige Informationen schriftlich formuliert werden.

Hörbeeinträchtigte haben Mühe, einem Gespräch zu folgen, wenn mehrere Personen gleichzeitig sprechen oder wenn Musik oder Lärm stören. Gespräche sollten deshalb in ruhigen Räumen stattfinden und Neben- sowie Hintergrundgeräusche möglichst ausgeschaltet werden. Vor allem harte Geräusche, zum Beispiel durch metallene Gegenstände, sollten vermieden werden. Diese werden oft als besonders laut und schmerzhaft empfunden.

In Gemeinschaftsräumen oder bei gemeinsamen Aktionen sollte immer versucht werden, Hörbeeinträchtigte ins Gespräch einzubeziehen. Dazu sollte ihnen mitgeteilt werden, wovon die Rede ist, wenn nötig mit kurzen schriftlichen Hinweisen. Pflegende sollten zudem beachten, dass ein Gespräch von Hörbeeinträchtigten volle Konzentration erfordert und sie deshalb auch rascher ermüden. Bei längeren Gesprächen sollte deshalb ab und zu eine Pause eingelegt werden.

Auch sollten Pflegende schwerhörige Menschen ermutigen, alle zur Verfügung stehenden Hilfsmöglichkeiten auszunutzen (Besuch beim HNO-Arzt, Hörgeräteanpassung, Hörtrainings). So bleiben ihre zwischenmenschlichen Kontakte besser erhalten. Zu bedenken ist bei Hörgeräten und Cochlea-Implantaten: Beim Baden und Duschen, bei der Wassertherapie oder bei speziellen medizinischen Untersuchungen (MRI, CT etc.) dürfen diese nicht getragen werden. Wenn die Bewohner liegen, sollte überprüft werden, ob das Hörgerät eingeschaltet ist und funktioniert. Da hörbehinderte Menschen oft erschrecken, wenn sie plötzlich angesprochen oder berührt werden, sollten Pflegende möglichst mit einem abgesprochenen Zeichen (z. B. Betätigung des Lichtschalters oder leichte Berührung) auf sich aufmerksam machen.

Tipps für die Kommunikation mit Hörbeeinträchtigten

  • Deutlich und nicht zu schnell sprechen

  • Nicht schreien, sondern in normaler Lautstärke sprechen

  • Während des Sprechens Blickkontakt halten

  • Einfache, kurze Sätze bilden

  • Dem Gegenüber Zeit geben, auf Fragen zu antworten

  • Nicht aus weiter Entfernung rufen

  • Umgebungsgeräusche reduzieren oder vermeiden

  • Das Thema, über das man spricht, wiederholen

pro audito bietet Trainings für Pflegende

Die Audioagoginnen von pro audito schweiz schulen seit vielen Jahren in vielen Kantonen die Lernenden FaGe (Fachfrauen und Fachmänner Gesundheit) speziell zu Hör- und Sehbehinderungen. Im Kanton Aargau sind es beispielsweise 30 Klassen, die jährlich an diesem eintägigen Training teilnehmen.

Neu sind auch Crashkurse, die vermitteln, wie man erfolgreich lernt, von den Lippen abzulesen. Diese Kurse werden nun auch für Pflegefachpersonen angeboten. Auf Wunsch beraten die Audioagoginnen von pro audito auch Pflegeeinrichtungen.

Über pro audito schweiz

Der Verein pro audito ist eine unabhängige Non-Profit-Organisation, die sich dafür einsetzt, dass die rund 1,3 Million Menschen mit Schwerhörigkeit in der Schweiz die gleichen Chancen haben wie gut hörende Menschen. Pro audito vertritt Menschen mit einer Höreinschränkung gegenüber der Öffentlichkeit, den Sozialversicherungen, der Politik und der Hörversorgungsbranche. Zu den Kerndienstleistungen zählen Aufklärung über Hörprobleme, Beratung zur Versorgung eines Hörverlusts, Hörtrainings, Fachtagungen und die Vermittlung von Schriftdolmetschern für die Integration von Menschen mit einer Schwerhörigkeit im Beruf und in der Ausbildung. Pro audito wurde 1920 gegründet und trägt das ZEWOGütesiegel für vertrauenswürdige Hilfswerke.

www.pro-audito.ch

Dieser Artikel stammt aus unserer Pflege-Fachzeitschrift NOVAcura.


Heike Zimmermann

Heike Zimmermann ist Kommunikationsverantwortliche bei pro audito schweiz.


Brigitte Teigeler

Brigitte Teigeler ist freie Mitarbeiterin der NOVAcura.


  • Ressort Pflege/Health professionals
  • Schwerhörigkeit