Hörverlust im Alter I: Die Folgen einer Schwerhörigkeit

Hörverlust kann unter anderem zu Demenz beitragen. Im ersten Teil unseres Doppelfeatures geht es um die wirtschaftlichen, sozialen und vor allem gesundheitlichen Folgen der Schwerhörigkeit. Von Brigitte Teigeler und Heike Zimmermann

Älterer Mann, der sich die Hand ans Ohr legt, um besser zu hören.
Schwerhörigkeit kann im Alltag sehr belastend sein.

Ob beim gemeinsamen Abendessen oder in der Aktivierungsrunde: Der Geräuschpegel ist hoch und das Gerede der Sitznachbarn kaum zu verstehen. Die Pflegefachperson, die drei Plätze entfernt sitzt, ist schon gar nicht mehr zu hören. Das permanente Zuhören macht müde. Viel leichter ist es, den Blick abschweifen zu lassen und in seiner eigenen Welt zu versinken.

So ergeht es vielen älteren Menschen mit einer Hörbeeinträchtigung, die in einer Pflegeeinrichtung leben. Wer nicht oder schlecht hört, geht leicht unter. Oder fühlt sich einsam, weil der Austausch mit anderen nur noch eingeschränkt möglich ist und viel Kraft erfordert. Oft ziehen sich Betroffene zurück und nehmen nur noch eingeschränkt am Leben der Einrichtung teil.

Etwa 80 % der 80-Jährigen sind schwerhörig

Laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sind 16 % aller erwachsenen Europäer von einer Hörminderung betroffen. Für die Schweiz sind dies bei 8,4 Millionen Einwohnenden rund 1,3 Millionen Personen (Bundesamt für Statistik 2017). In Deutschland sind nach Angaben des Deutschen Schwerhörigenbundes 19 % der über 14-Jährigen betroffen. Das entspricht rund 13,3 Millionen Menschen.

Eine Altersschwerhörigkeit ist dabei besonders häufig. Grundsätzlich gilt: Je älter eine Person ist, desto schlechter ihr Gehör. Während gut ein Drittel der über 60-Jährigen an einem altersbedingten Hörverlust leidet, sind es bei den über 70-Jährigen zwei Drittel und bei den über 80-Jährigen bereits rund 80 %. Für die Zukunft ist zu erwarten, dass Altersschwerhörigkeit ein noch grösseres Thema wird, vor allem wenn zwischen 2020 und 2035 die geburtenstarken Jahrgänge ins Pensionsalter kommen.

Folgen einer unbehandelten Schwerhörigkeit

Hörminderung im Alter ist ein grosses Gesundheitsproblem. Sie steht bei älteren Menschen an fünfter Stelle der Erkrankungen, die die Lebensqualität am meisten beeinträchtigen. Wird eine Hörbeeinträchtigung nicht behandelt, hat dies Auswirkungen auf die Gesundheit, zwischenmenschliche Beziehungen sowie die Sicherheit der Betroffenen.

Gesundheit: Die permanente Höranstrengung führt zu Müdigkeit, Frustration und Gereiztheit. Das kann bis zu einer Depression gehen. Oft sind die Betroffenen häufiger krank. Typisch sind auch Lernschwierigkeiten und Gedächtnisstörungen bis hin zu einem erhöhten Demenzrisiko. Generell verschlechtert sich die physische und allgemeine Gesundheit, wenn eine Schwerhörigkeit unbehandelt bleibt.

Zwischenmenschliche Beziehungen: Durch die Schwerhörigkeit kommt es zu Missverständnissen, Einsamkeit und gesellschaftlicher Isolation. Die Arbeitsfähigkeit und damit auch das Einkommen vermindern sich. Die Teilnahme am sozialen Leben ist beeinträchtigt.

Sicherheit: Alarme und Warnzeichen, zum Beispiel im Verkehr, können überhört werden und die Sicherheit der Betroffenen gefährden.

Die volkswirtschaftlichen Auswirkungen der unbehandelten Schwerhörigkeit werden laut WHO weltweit auf 750 Millionen US-Dollar beziffert. Eine Studie der John Hopkins University aus 2018 berichtet, dass Menschen mit einer unbehandelten Schwerhörigkeit 46 % höhere Gesundheitskosten haben. Die Wahrscheinlichkeit eines Spitalaufenthalts ist zu 50 % erhöht. Zudem kommt es häufiger zu Begleiterkrankungen: Menschen mit unbehandeltem Hörverlust haben ein 50 % höheres Risiko für eine Demenz und ein 41 % höheres Risiko für eine Depression. Auch das Risiko für Knochenbrüche, Schlaganfall und Herzinfarkt erhöht sich.

Schwerhörigkeit bei Demenz

Studien weisen darauf hin, dass Schwerhörigkeit an der Entstehung einer Demenz beteiligt sein kann. In der Studie „Hearing Impairment and Incident Dementia: Findings from the English Longitudinal Study of Ageing“ haben englische Forscher 2017 veröffentlicht, dass ein moderater Hörverlust die Wahrscheinlichkeit des Auftretens einer Demenz um den Faktor 1,4 erhöht. Ein schwerer Hörverlust war sogar mit einem 1,6-mal erhöhten Risiko verbunden. Es zeigte sich zudem, dass eine Korrektur des Hörverlusts mittels eines Hörgeräts dazu beitragen kann, den Ausbruch einer Demenz zu verzögern (Davies et al. 2017).

Eine US-Studie aus 2019 untersuchte den Zusammenhang zwischen Hörgeräten und der Zeit bis zur Diagnose einer Alzheimer-Erkrankung oder Demenz, Angstzuständen oder Depressionen und schädlichen Stürzen. In die Studie eingeschlossen waren 114862 Erwachsene ab 66 Jahren nach Diagnose eines Hörverlusts. Im Ergebnis zeigte sich sowohl eine verzögerte Diagnose von Demenz bzw. Alzheimer, aber auch von Angstzuständen und schädlichen Stürzen. Die Autoren der Studie empfehlen randomisierte Studien, um festzustellen, ob und inwieweit der Zusammenhang kausal ist (Mahmoudi et al. 2019).

Insgesamt erscheint es sinnvoll, auch in Pflegeeinrichtungen frühzeitig auf die Notwendigkeit eines Hörgeräts zu achten und eine Anpassung in die Wege zu leiten. Inwieweit dieses von Betroffenen mit kognitiven Einschränkungen akzeptiert wird, ist unterschiedlich und von Art und Schwere der Demenz abhängig. Auch die Sinnhaftigkeit eines Hörtrainings ist immer von Fall zu Fall abzuwägen. Dennoch sollten alle möglichen Hilfen auch bei Demenz ausgeschöpft werden, um die Lebensqualität der Betroffenen zu erhöhen und einen zusätzlichen kognitiven Abbau, der möglicherweise durch den Hörverlust begründet ist, zu vermeiden.

Behandlung: Die meisten warten zu lange

Eine Altersschwerhörigkeit lässt sich gut behandeln und lohnt sich in gesundheitlicher und sozialer Hinsicht. Gut zu hören, bedeutet, unabhängig zu bleiben, aktiv am Sozialleben teilnehmen zu können und letztendlich gesünder zu altern.

Jedoch machen viele erst spät oder sogar niemals etwas gegen die Schwerhörigkeit. Grund ist unter anderem, dass gerade die Altersschwerhörigkeit nur schleichend zunimmt. Betroffene gewöhnen sich so zunächst an die leiser werdende Umgebung. Beispielsweise gehen in der Schweiz nur 54 % der über 65-Jährigen ihren Hörverlust an. 46 % unternehmen gar nichts. Und die, die etwas gegen ihren Hörverlust tun, warten im Durchschnitt 5 bis 7 Jahre.

Das mindert die Chance, eine Altersschwerhörigkeit erfolgreich zu behandeln. Denn das Hörzentrum im Gehirn speichert Geräusche und Töne nur ca. 3 Jahre. Nach 7 Jahren verblasst die Erinnerung. Je länger ein Betroffener also abwartet, desto höher ist der Aufwand, das Hören wieder zu lernen.

Über die Gründe der niedrigen Behandlungsquote kann nur spekuliert werden. Ein Grund mag sein, dass Hörverlust ein schleichender Prozess ist. Viele Menschen merken also gar nicht, dass sie schlechter hören. Oft sind es die Bezugspersonen, die Betroffene auf ihre Hörminderung aufmerksam machen. Wichtig ist deshalb, sein Gehör bei Verdacht auf eine Beeinträchtigung testen zu lassen. Ein Hörtest kann beim Hals-Nasen-Ohren-Arzt oder beim Hörakustiker erfolgen. pro audito schweiz bietet zudem einen Telefon-Hörcheck an. Dieser wissenschaftliche fundierte Test ermittelt in wenigen Minuten, wie die Anrufer Sprache bei Hintergrundgeräuschen verstehen. Der Anruf ist anonym. Am Ende wird eine Empfehlung ausgesprochen.

Welche Maßnahmen sinnvoll sind und was Pflegende konkret für Schwerhörige tun können, erfahren Sie im zweiten Teil dieser Serie: „Hörverlust im Alter: Alle Behandlungsmöglichkeiten ausschöpfen“

Dieser Artikel stammt aus unserer Pflege-Fachzeitschrift NOVAcura.


Portrait von Heike Zimmermann

Heike Zimmermann

Heike Zimmermann ist Kommunikationsverantwortliche be pro audito schweiz.


Brigitte Teigeler

Brigitte Teigeler ist freie Mitarbeiterin der NOVAcura.


  • Ressort Pflege/Health professionals
  • Schwerhörigkeit

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