Gerechte Gesundheit?


Gesundheit ist ein Menschenrecht! Für jede und jeden!, steht dort im Artikel 25, Absatz 1. Und Menschenrechte sind international und zumindest ethisch bindend. Nun steht Gesundheit aber zurzeit zwischen den mächtigen Pfeilern der Allokation, der Frage nach der Verteilung der Ressourcen, die als knapp diagnostiziert werden. Wen nur das Ganze auch noch verbunden wird mit dem vagen Terminus der Gerechtigkeit, zucken sicherlich so manche Schultern bedauernd. Dagmar Domenig und Sandro Cattacin (2015, siehe unten) begründen in ihrem Buch einen Weg, der vom universalen Recht auf Gesundheit ausgeht und Optionen aufzeigt, die zu einer gerechteren Gesundheit und Gesundheitsversorgung führen – ein Muss für alle Verantwortlichen im Gesundheitswesen. 

Es gibt einen Mittelweg zwischen Kommunitarismus und Universalismus – zwischen der Orientierung an einzelnen Identitäten und Individuen in ihrer jeweiligen spezifischen Lebenswelt und den Ansätzen einer Gleichbehandlung. Allerdings "kann sich erst dann seine Wirkung entfalten, wenn sich die Gesundheitsversorgung auf Spezifizierungen ausrichtet und dabei von dem Grundsatz geleitet wird, auf die Vielfalt vulnerabler Situationen und die Verschiedenheit identitärer lebensweltlicher Dimensionen einzugehen." (S. 10) Wie das geschehen kann und welche Anstrengungen, Kompetenzen und Strategien dazu notwendig sind – darauf antworten die Autoren im Buch: "Gerechte Gesundheit" (Hogrefe Verlag, 2015)


Aufbau und Inhalt

Wir leben in einer pluralistischen Gesellschaft – Verschiedenartigkeit ist Normalität geworden, ja, sie wird sogar betont. Wie ist diese Verschiedenartigkeit gestrickt? Und was brauchen Organisationen und politische Systeme, um sich mit den Individuen und ihren Lebenswelten auseinander zu setzen? – Teil I legt die Grundlagen dazu an.

Was sagt "die Praxis" dazu? – die Nutznießenden der Gesundheitsversorgung, die professionellen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die Menschengruppen, die als vulnerabel gelten, weil sie Gefahr laufen, aufgrund ihrer Identität diskriminiert und stigmatisiert zu werden? – Teil II fügt den Grundlagen die empirischen Betrachtungen hinzu.

Es gibt sie – Diskriminierungen, Vorurteile, Ungerechtigkeiten. Woran orientieren sich Organisationen, dem zu begegnen und den Weg in eine gerechtere Gesundheitsversorgung zu finden? – Teil III diskutiert die Rolle von Normen und Standards für Einrichtungen im Gesundheitswesen, die Vor- und Nachteile und die Herausforderungen einer Orientierung daran.

Teil IV schließlich ist das Herzstück des Buches: Fünf Orientierungen bieten uns die Autoren auf dem Weg zu einer gerechteren Gesundheitsversorgung: reflexives Management, Abbau von Barrieren, personenzentrierte Interaktion, Partizipation und Interessenvertretung. Diese "verbindet der letztlich allen gemeinsame Fokus auf dem Individuum, denn nur die Nutznießenden selbst wissen letztlich, was ihnen guttut und was sie brauchen, um gesund zu sein." (S. 186) Und ganz zum Schluss steht die Grafik, die alles zusammenfasst, was das Buch so besonders macht: die Verbindung von den Handlungsoptionen der Person in einer Gesundheitsorganisation, den Bedingungen ihrer Lebenswelt und den Strategien der Organisationen, diesen zu begegnen.


Abschließend…

"Doch alle angestrebten Veränderungen und Verbesserungen in einer Gesundheitsorganisation scheitern dann, wenn im Verhalten der Fachpersonen keine Haltungsänderungen gegenüber dem verunsichernden Fremden, dem nicht ins Bekannte Einordenbaren, dem unentwegt Irritierenden, dem angstmanchenden Unbekannten, dem die Routine Störenden sichtbar werden. [Und auch die, bm] Orientierungen werden in ihrer ganzen Dimension erst erfasst, wenn der Fächer der gerechten Gesundheit in seiner farbigen und ausgebreiteten Vielfalt verinnerlicht und damit als Grundlage für den Umgang mit Verschiedenheit in einer pluralistischen Gesellschaft akzeptiert worden ist, auf dem Weg hin zu einer gerechteren Gesundheit und Gesundheitsversorgung." bm

 

  • Migration
  • Ressort Pflege/Health professionals