Professionelle Pflege in der Palliative Care

«Sie spricht davon, als ginge sie in ein anderes Zimmer!», sagte meine Mutter fassungslos angesichts des Sterbens ihrer Schwester. Wie beiläufig sprach diese von der Zeit, die nun zu Ende geht, stellte sich ihrem Sterben ohne dramaturgisches Pathos. Die Seiten zu wechseln vom Leben in den Tod ist von Lebenden aus gedacht eine ungewollte, unüberwindbare Hürde. Die professionellen Mitarbeitenden in der Palliative Care begleiten Menschen, die Unterstützung brauchen auf dem letzten Weg des Lebens mit einer lebensbedrohlichen Erkrankung.


Sie ist die Grande Dame von Palliative Care – die Krankenschwester, medizinische Sozialarbeiterin und Ärztin Cecily Saunders (1918-2005). Aus ihren beruflichen Erfahrungen und Kompetenzen entwickelte sie ihr Konzept der schützenden Sorge um und für Menschen mit unheilbaren Erkrankungen. Weltberühmt wurde sie mit ihrem Credo: «Gebt den Tagen mehr Leben, statt dem Leben mehr Tage.» Saunders bezieht diesen Satz auf die Situation von Menschen vor dem nahenden Ende der Lebenstage und folgert daraus, die Qualität eines Lebens aus einer individuellen Perspektive zu betrachten – ein Wunsch, den wohl viele teilen, nicht nur im Bewusstsein eines drohenden Lebensendes in der Situation mit einer unheilbaren Erkrankung.

Den Mantel umlegen

Pallidum (lat.) bedeutet «Mantel», vermittelt Schutz und Geborgenheit, umhüllt mit Wärme angesichts von Leiden, Schmerzen und Angst. Palliative Care steht im Auftrag der Menschen, die in der Situation einer unheilbaren Erkrankung und ihren Folgen besonderen Schutz brauchen. Die berufliche Haltung derjenigen, die in der Palliative Care arbeiten, ist getragen von der Sorge um hilfe- und unterstützungsbedürftige Menschen. Cecily Saunders widmete sich der Entwicklung von Palliative Care und begründete damit ein Behandlungskonzept, das ihre Kompetenzen und Expertisen widerspiegelt: die ethische Haltung der Fürsorge und Anwaltschaft, angesichts der bestehenden Versorgungsbedingungen und angesichts eines individuellen «Total pain», dem allumfassenden Schmerz des Loslassens im Angesicht des eigenen Sterbens.

Behandlungskonzept

Das Konzept von Palliative Care ist übergeordnet und interprofessionell. Es vereint und vernetzt die unterschiedlichen Versorgungsstrukturen, Berufsgruppen und Disziplinen angesichts der Nöte und Bedürfnisse unheilbar erkrankter Menschen mit einer fortgeschrittenen oder fortschreitenden Erkrankung. Palliative Care geht dabei an und über die Grenzen unserer vitalen, psychosozialen und gesellschaftlichen Bedingungen: Sie dient dem Leben, wo es an die Grenze des Todes stößt, kämpft mit medizinischen und pflegerischen Mitteln und Instrumenten gegen die Symptome der Erkrankung und orientiert sich am Begriff der Lebensqualität der betroffenen Menschen und ihrer Zu- und Angehörigen. Palliative Care unterstützt die Bezugspersonen und die Patienten in den Phasen des Lebens mit einer lebensbedrohlichen Erkrankung, sowohl fachlich als auch emotional. Sie vernetzt institutionelle und nicht-institutionelle Pflege, indem sie die Angehörigen als Caregivers und Partner im Prozess mit einbindet und die funktionalen Abläufe der institutionellen Pflege zumindest zeitweise durchbricht und einem holistischen Verständnis zuführt.

Vernetzung in Palliative Care

Vernetzt werden in Palliative Care auch die stationären und ambulanten Versorgungsstrukturen sowie die unterschiedlichen professionellen Berufsgruppen, seien es Ärzte, Pflegefachpersonen oder Mitarbeitende der anderen sozialen Dienste. Für alle professionellen Mitarbeitenden der therapeutischen Teams in Palliative Care orientiert sich dieses «Leben an der Grenze» ausschließlich an den individuellen Bedingungen des erkrankten Menschen im Spagat mit den umgebenden Faktoren. Schon hier werden die hohen Anforderungen deutlich, die an die Mitarbeitenden gestellt werden: hohe Gesprächs- und Gefühlskompetenz, flexibles und kreatives Mitdenken, Praxiserfahrung und ein vernetztes Wissen, das gleichermaßen in tradierter und trainierter Routine verwurzelt ist sowie sich öffnet für innovatives, grenzüberschreitendes Denken.


Das Buchprogramm des Hogrefe Verlags Bern differenziert die vielen Wege von Palliative Care auf wissenschaftlicher Basis, orientiert sich an der Pflege- und Betreuungspraxis und setzt eigene innovative Maßstäbe für eine künftige Begleitung der Menschen in der letzten Phase des Lebens. bm

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