Die verwundete Persönlichkeit

von Diana Staudacher


Wie Schmerzerleben die Identität und Selbstintegrität beeinflusst.

"Wenn wir Schmerzen haben, so leiden wir, und wenn wir leiden, so ist etwas an und in uns, was nicht sein soll, was einer gebotenen Ordnung widerstrebt. […]. So ist das Leiden älter als der Schmerz, an dem wir leiden, der Schmerz älter als das Gefühl des Schmerzen-Habens, das Gefühl älter als sein empfindungsartiger Inhalt, wie ihn die Psychologie und Physiologie schließlich abstrahiert haben", schrieb Viktor von Weizsäcker im Jahr 1926. Seine Worte verdienen noch heute Beachtung.

Als "Kränkung" des innersten Selbst und als "Angriff" auf das Personsein beschreiben Betroffene ihr Schmerzerleben. Es fällt ihnen schwer, sich als "Mensch im Schmerz" anzunehmen. Ihre tiefe Scham und ihr leidvoll verändertes Selbstverhältnis erfordern Aufmerksamkeit. Ein schmerzsensibles Menschenbild und eine therapeutische Kultur der "Dualisierung" des Schmerzes erweisen sich als bedeutsam.

Schmerz ist mehr als eine Körperempfindung ‒ er ist auch eine Verletzung des Selbst und der Identität eines Menschen (Smith/Osborne, 2007). „Wie ein Fremder im eigenen Körper" greift chronischer Schmerz die Persönlichkeit an. Er verfolgt die Betroffenen auf Schritt und Tritt, unterwandert und durchdringt ihr gesamtes Selbstempfinden. Sie fühlen sich „gefangen im Schmerz", dem sie nicht entkommen. Der Versuch, mit dem Schmerz zu kämpfen, um ihr "früheres Selbst" zu erhalten, führt zur Erschöpfung: "Ich habe alle meine Kraft verloren", (Smith/Osborne, 2007). Das Gefangensein im Schmerz und die Unmöglichkeit, ihm etwas entgegenzusetzen, erleben Betroffene als entmächtigend, entwürdigend und erniedrigend (Aldrich/Eccleston, 2000).

Bild: Die Autorin Dr. Diana Staudacher

Sich als "Mensch im Schmerz" anzunehmen, fällt unendlich schwer: "Das bin ich nicht, das macht der Schmerz aus mir." Betroffene beschreiben einen verzweifelten Kampf um das frühere Selbst. Das "Selbst im Schmerz" ist unvereinbar mit dem früheren, schmerzfrei-unversehrten Selbstbild (Morley, 2005). Somit hat Schmerz einen dramatischen Effekt auf das Selbstgefühl und die Identität der Betroffenen: "Früher war ich niemals so. Ich hasse das. Es treibt mich zur Verzweiflung" (Smith/Osborne, 2007). Nicht der physische Schmerz ist für Betroffene das Schlimmste, "sondern das, was der Schmerz mit ihrem Selbst und mit ihrer Persönlichkeit macht" (Smith/Osborne, 2007). Chronisches Schmerzerleben kann zu Selbst-Verlust führen und immense Trauer auslösen. Somit wirkt Schmerz wie eine Verwundung des Selbstwertgefühls und eine tiefe Kränkung der gesamten Persönlichkeit. Die weitreichendste Folge des chronischen Schmerzes besteht für Betroffene darin, sich selbst zu verlieren und "eine andere Person zu werden" (Risdon et al., 2005). Dieser Aspekt verdient besondere Aufmerksamkeit.

Scham ‒ schlimmer als Schmerz

"Im Zentrum jeder Persönlichkeit gibt es ein unerreichbares Element, das unversehrt bleiben muss und höchsten Schutz erfordert" (Winnicott, 1992). Dieses Kern-Selbst scheint jedoch durch starkes, dauerhaftes Schmerzerleben fundamental erschüttert zu werden. Als Angriff auf das Selbst und als permanente Bedrohung nehmen viele Betroffene den Schmerz wahr. "Schmerz ist ein archetypisches Warnzeichen, um den Organismus vor Gefahr zu warnen – er stellt eine Unterbrechung dar, um die Aufmerksamkeit auf Gefahr und Bedrohung zu lenken. Chronischer Schmerz bedeutet eine ständige Unterbrechung der momentanen Aufmerksamkeit" (Eccleston /Crombez, 2007). Dadurch befindet sich der gesamte Organismus "in einem kontinuierlichen Alarmzustand und ständiger Handlungsbereitschaft" (Eccleston/Crombez, 2007).

Somit gehört es zum Wesen des Schmerzes, die Kontinuität des Selbsterlebens ständig zu stören und den Organismus in Unruhe zu versetzen. Dies führt zu einem fragmentierten Selbstempfinden. Ständig signalisiert der Schmerz, dass die Unversehrtheit des Körpers in Gefahr ist. Wie bedeutsam Selbstintegrität für die menschliche Psyche ist, lässt sich nicht hoch genug veranschlagen (Sherman/Cohen, 2006). Bedrohte oder verletzte Selbstintegrität wirkt seelisch traumatisierend. Leiden beginnt, wenn die Unversehrtheit des Menschen gefährdet ist oder zerstört zu werden droht (Cassell, 2011). Ist die Schutzhülle der Selbstintegrität zerstört, setzt enorme Verletzlichkeit ein. Überwältigendes Schamerleben ist die Folge: "Die Scham […] ist manchmal unerträglicher als der Schmerz" (Smith/Osborne, 2007). Scham gilt als "Wächterin, die den Kern unserer Persönlichkeit schützt" (Wurmser, 1986). Sie bewahrt das "innerste Selbst" davor, verletzt und zerstört zu werden. Wer sich als Mensch im Schmerz tief gekränkt fühlt, sich selbst abwertet und ablehnt, möchte sich dem Blick der Anderen entziehen. Betroffene befürchten, dass andere in ihnen eine "bemitleidenswerte, jammervolle Person" sehen (Smith/Osborne, 2007).

Die Scham schmerzbetroffener Menschen kann so intensiv sein, dass sie nicht mehr weitersprechen möchten, wenn es um sie selbst geht (Smith/Osborne, 2007). Im Zusammensein mit anderen Menschen nicht mehr so sein zu können, wie sie einmal waren, ist beschämend für sie. Sie fühlen sich dazu gezwungen, keinen Schmerz zu zeigen, da dies als gesellschaftlich unerwünscht gilt: "Ich spiele den Schmerz hauptsächlich herunter und sage: "Es ist alles in Ordnung" − auch wenn es furchtbar wehtut" (Aldrich/Eccleston, 2000). Sozialer Rückzug wirkt befreiend: "Ich wäre gerne auf einer einsamen Insel. Es wäre ein Glück, nicht jemand sein zu müssen, der ich nicht bin" (Osborne/Smith, 2007). Schmerzbezogene Scham ist somit auch ein soziales Phänomen (Hellström, 2010): "Wenn du Schmerzen hast, ist es besser so zu tun, als wäre alles gut, besonders in bestimmten sozialen Situationen. [...]. Es macht mich krank, dass man wertlos ist, wenn man Schmerz oder die Angst vor Schmerz zeigen möchte" (Aldrich/Eccleston, 2000)

[…]

Bild: Im Schmerz erstarrt. Foto: Jean Claude Poffet

Fazit

Somit stellt Schmerztherapie für die beteiligten Fachpersonen immer auch eine existenzielle Herausforderung im Sinne Gaetano Benedettis dar (1992). Den eigenen Schmerz mit einem anderen Menschen teilen zu können, erweist sich als stärkstes Bedürfnis der Betroffenen: "Der einzige positive Aspekt des Schmerzes ist das […] Miteinanderteilen des Leidens" (Aldrich/Eccleston, 2000). Solidarität im Schmerz ist somit die unverzichtbare menschliche Grundlage der Schmerztherapie: "Fragen wir uns, welche Person uns im Leben am meisten bedeutet hat, dann ist es häufig diejenige, die unseren Schmerz geteilt hat" (Nouwen, 2004).

von Diana Staudacher (Literaturliste auf Anfrage)

Dieser Beitrag ist 2017 in der Fachzeitschrift Schmerz und Schmerzmanagement erschienen. Er beleuchtet des Weiteren die folgenden Aspekte:

  • Verschmelzung zwischen Selbst und Schmerz
  • Die Kraft, Schmerz anzunehmen
  • Ein schmerzsensibles Menschenbild

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