Lernen in der Gruppe: Mehr Köpfe wissen mehr

Lernen in der Gruppe ist extrem hilfreich, aber nur, wenn man es clever angeht. Darum geht es in Teil 2 unserer Kurzserie rund ums Lernen. Von Stefanie Rietzler und Fabian Grolimund

Drei Stuentinnen lernen in der Bibliothek.
Lernen in der Gruppe ist effektiver und macht mehr Spaß.

Fällt es dir manchmal schwer, dich zum Lernen zu motivieren? Leidest du bei deinem Hassfach einsam vor dich hin und wirfst bei erster Gelegenheit das Handtuch, weil „du es sowieso nicht checkst“ und „das alles viel zu kompliziert für dich ist“? Möchtest du gerne in der nächsten Prüfung eine bessere Note schreiben? Dann könnte dir dieser einfache Tipp weiterhelfen:

Suche dir eine/n Lernpartner/in!

Falls du jetzt abschätzig vor dich hinschnaubst und denkst „Das hab ich schon probiert - das bringt doch gar nichts“ oder „Ich kann aber nur alleine lernen! Andere Leute lenken mich ab oder halten mich auf“, dann bist du damit nicht allein. Das liegt daran, dass das Lernen in der Gruppe zwar extrem hilfreich ist, aber nur, wenn man es clever angeht. Lass uns genauer hinschauen, wie du das schaffst und was dir das bringt.

Der Bildungsforscher John Hattie hat die größte Analyse aller Zeiten darüber angestellt, wie Schüler/innen erfolgreich lernen. Dabei bezog er Daten von mehreren Millionen (!) Schüler/innen mit ein. Er hat herausgefunden, dass Lernen mit anderen zu deutlich besseren Leistungen führt als wenn man sich alleine dahinterklemmt!

Lernen in der Gruppe hat mehrere Vorteile

  • Mehr Motivation: Wenn wir uns mit einem langweiligen oder schwierigen Fach beschäftigen sollen, fallen unserem Gehirn plötzlich allerlei Ausreden ein: „Ich hab gerade keine Lust, ich mach es dann später.“ Oder „Boah ist das schwierig, spinnen die?! Wie soll man das denn in seinen Kopf pressen?!“. Es ist ein unglaublicher Kraftakt, sich zu überwinden und am Ball zu bleiben. Wenn du mit jemandem zusammen lernst, ist die Motivation automatisch höher. Du weißt, dass diese Person auf dich wartet und sich auf dich verlässt und es wäre unangenehm euer Treffen abzusagen. Und ihr könnt euch gegenseitig wieder aufmuntern, wenn einer von euch gerade die Krise schiebt.

  • Eine tiefere Verarbeitung: Unsere Vorfahren gaben ihr Wissen früher am Lagerfeuer weiter und erzählten einander lehrreiche Geschichten. So hat sich unser Gehirn mit der Zeit zu einem sozialen Organ entwickelt, das am besten lernt, wenn es mit anderen im Austausch ist. Wenn du nun mit jemandem zusammen lernst, kannst du von diesem althergebrachten „Lagerfeuereffekt“ profitieren. Indem ihr den Stoff zusammen durchgeht, ihn euch gegenseitig erklärt und euch Fragen dazu stellt, verarbeitet euer Gehirn die Inhalte viel tiefer und ihr versteht ihn besser, als wenn du sie dir zu Hause über dem Schreibtisch einfach mehrmals durchliest.

  • Geteiltes Wissen: „Welche Inhalte sind wichtig? Müssen wir das hier für die Prüfung können? Was hat die Meier nochmal zu dieser Grafik erklärt?“ Es ist sehr nützlich, jemanden an der Seite zu haben, der einem bei solchen Fragen weiterhelfen kann. Der eine hat etwas im Unterricht besonders gut verstanden, der andere erinnert sich an einen Tipp der Lehrerin aus der letzten Wiederholungsstunde: so profitiert jeder doppelt.

  • Mehr Abwechslung: Die meisten Jugendlichen büffeln sehr einseitig, wenn sie alleine sind: Man liest die Hefteinträge einfach mehrmals durch in der Hoffnung, dass möglichst viel hängenbleibt. Schnell ist man gelangweilt, wird müde und hat den Eindruck, dass „nichts mehr in den Kopf gehen will“. Sobald du mit einer Lernpartnerin oder einem Lernpartner arbeitest, wird es automatisch abwechslungsreicher. Durch die Mischung aus Lesen, Übungsaufgaben lösen, Probleme besprechen, Fragen klären, wird dein Gehirn besser unterhalten, ermüdet weniger – und flüchtet sich nicht so schnell in Tagträume.

„Ja, aber … die Arbeit in der Gruppe nervt!“

Verwechsle das Lernen mit einem Lernpartner nicht mit diesen furchtbaren erzwungenen Gruppenarbeiten in der Schule, bei denen man ständig herumdiskutiert, einer das Ruder an sich reißt und ständig Stress macht und der nächste bis zum Schluss einen Teil der Arbeit nicht einreicht. Deine/n Lernpartner/in kannst du dir selbst aussuchen: mit wem könntest du besonders gut zusammenarbeiten?

„… wir kommen nicht voran!“

Das hat meist damit zu tun, dass man sich ohne konkretes Ziel trifft, dann ein wenig plaudert und irgendwann wahllos in den Unterlagen herumblättert. Produktive Lerngruppen vereinbaren für jedes Treffen ein Ziel: „Am Mittwochnachmittag treffen wir uns bei Finn. Jeder von uns hat bis dahin das Kapitel XY im Buch gelesen und die Lernziele dazu angeschaut. Zusammen besprechen wir dann, was wichtig ist, welche Unklarheiten es gibt und welche Fragen der Lehrer zu diesem Thema stellen könnte“.

„… wir kommen nicht in die Gänge und lenken uns ab!“

In diesem Fall ist die Lerngruppe meist zu groß. Idealerweise schließen sich zwei bis drei Personen zusammen, dann wird es wirklich produktiv. Es muss sich bei deinem Lernpartner auch nicht unbedingt um deine beste Freundin oder deinen engsten Kumpel handeln. Da ist das Risiko, dass man sich mit anderen Themen beschäftigt, doch größer.

Hilfreich sind auf jeden Fall klare Absprachen, zum Beispiel: „Wenn wir uns treffen, trinken wir zuerst 15 Minuten einen Kaffee zusammen und quatschen. Danach arbeiten wir konzentriert 45 Minuten. In der Pause danach darf es dann wieder um Privates gehen“.

„… ich bin viel zu schlecht, das wird total peinlich!“

Diesen Einwand kann ich gut verstehen. Aber lass dir versichert sein: Zwei Nixchecker begreifen immer noch mehr als einer allein. Es lohnt sich also auch, gemeinsam zu arbeiten, wenn beide in einem Fach schlecht sind.

Du musst dich auch nicht mies fühlen, wenn du mit jemandem lernst, der in diesem Fach ein echter Profi ist. Wer anderen etwas erklärt, wiederholt und vertieft den Stoff. Du gibst also auch deinem Lernpartner eine gute Chance, sich zu verbessern (und er freut sich und ist vielleicht sogar ein bisschen stolz, dass er dir helfen kann). Dafür spricht auch, dass viele junge Lehrer sagen: „Ich habe jahrelang mein Fach studiert. Aber so richtig verstanden habe ich den Stoff erst, als ich angefangen habe, ihn meinen Schülern zu vermitteln“.

Und jetzt zu dir: Für welche Prüfung könntest du dir eine/n Lernpartner/in suchen? Wer käme für dich infrage?


Stefanie Rietzler

Portrait von Autorin Stefanie Rietzler.

Stefanie Rietzler ist Psychologin mit Weiterbildung in bindungsbasierter Beratung und Therapie. Sie leitet die Akademie für Lerncoaching gemeinsam mit Fabian Grolimund. Ihr Schwerpunkt liegt im Lerncoaching mit Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen sowie im Bereich ADHS.


Fabian Grolimund

Portrait von Autor Fabian Grolimund.

Fabian Grolimund ist Psychologe (FSP) und Lerncoach. Er leitet zusammen mit Stefanie Rietzler die Akademie für Lerncoaching. Mit seiner Arbeit möchte er dazu beitragen, dass mehr Kinder und Jugendliche gerne lernen und wissen, wie sie sich Inhalte effektiv und selbständig erarbeiten können.


  • Lernen
  • Ressort Schule und Entwicklung